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Sonetten
aus dem italienischen übersetzt.

 

An ein blindes Mädchen
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

O sei nicht traurig, liebes Angesicht,
Weil dir verwehrt ist, unsre Welt zu schauen;
So hold, wie deine Träume sie erbauen,
So heiter, arme Blinde, ist sie nicht!

Der freche Hohn, der uns aus Augen sticht,
Das geile Tier im Schatten unsrer Brauen,
Der Roheit und Verderbnis ganzes Grauen
Verging für dich mit deinem Augenlicht.

Vergiß die Gaukelbilder, die du träumst!
Bewein den Anblick nicht, den du versäumst!
Wer an die Schönheit glaubt, ist wahnbesessen.

In Grases Grün und Blühens Tausendfalt
Birgt sich der Kröte ekle Mißgestalt —
Glücklich die Augen, die das Licht vergessen!

Antike Szene
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Die Brüste bloß, das blonde Haar gefacht
Vom Sturm des Fest's, zu dem ein Gott geladen,
So irrest du an heiligen Flußgestaden
Und riefst Adonis! sehnend in die Nacht.

Dann, tief in Ähren, golden überdacht,
Sangst du ein Preislied auf der Ceres Gnaden,
Dann wieder, als die Tollster der Mänaden,
Gabst du dem Tag der Lenden nackte Pracht.

Ich aber folgte Fackeln und Gesang
Und hetzte dich, indes ich brennen fühlte
Vom Gott das Blut, das mich zu dir hin zwang.

Bis ich dich hielt, mich in dein Haar verwühlte,
Dein Sträuben auf den Rasen niederrang
Und meinen Durst an deinen Lippen kühlte!

Apostrophe
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Wir sind das trunkne Rasen der Bacchanten,
Die heilige Verzückung der Asketen,
Wir sind die Märtyrer und die Propheten,
Die Wegbereiter und Vorausgesandten.

Wir sind die Erdennahen und Emporgewandten,
Der Liebe Wissende und Exegeten,
Und nur aus uns Erwählten und Poeten
Brausen die Hymnen, die vom Geist entbrannten.

Ihr Händler, Wechsler und Geschäftemacher,
Verhöhnt gefährlichere Widersacher!
Und ist der Sinn für Wucher nicht verliehen.

Fälscht weiter Waren, Maße und Gewichte!
Doch uns gestattet, Rosen und Gedichte
Dem Schacher mit Gewürzen vorzuziehen!

Ausklang
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Den Beifall kenn' ich und den Hohn der Menge,
Den Schmeichelton und Faustschlag ins Gesicht,
Weiß um die Gifte, die man denkt und spricht,
Und um die Ruhe der Gewissensstrenge.

Ich kenn' die Blutspur mancher Leidensgänge,
Und auch den Weg der Freude mied ich nicht;
Ich schlürfte bis zum Grund und stell' nun schlicht
Den Becher hin, an dem ich nicht mehr hänge.

Und dennoch, wenn ich mich zurückbesinne
Durchmessnen Weges und vergangner Zeit,
Werd' ich in mir nur heitern Friedens inne.

Ein leichter Rauch, zu Höhen flugbereit,
Blieb mir die Seele wie vom Anbeginne,
Und Bechers Neige ist nicht Bitterkeit.

Ausklang
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Den Beifall kenn' ich und den Hohn der Menge,
Den Schmeichelton und Faustschlag ins Gesicht,
Weiß um die Gifte, die man denkt und spricht,
Und um die Ruhe der Gewissensstrenge.

Ich kenn' die Blutspur mancher Leidensgänge,
Und auch den Weg der Freude mied ich nicht;
Ich schlürfte bis zum Grund und stell' nun schlicht
Den Becher hin, an dem ich nicht mehr hänge.

Und dennoch, wenn ich mich zurückbesinne
Durchmessnen Weges und vergangner Zeit,
Werd' ich in mir nur heitern Friedens inne.

Ein leichter Rauch, zu Höhen flugbereit,
Blieb mir die Seele wie vom Anbeginne,
Und Bechers Neige ist nicht Bitterkeit.

Erlösung
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Hinauf, hinauf, wohin uns steil und weit
Kein Wünschen, noch so kühn und glühend, trüge,
erhebt sich einst zum glücklichsten der Flüge
Die müde Seele, vom Gefühl befreit.

Hinauf, hinauf, wo Sterne dichtgereiht
Befestigen das glitzernde Gefüge,
Fliegen wir dann in innigster Genüge
Wie Fünkchen Lichts in die Unendlichkeit.

Wir fliegen, fliegen hin zu ewigem Fest,
Schimmernde Geister, die kein Erdenrest
Mehr niederzieht zu irdischem Getriebe.

Versinken wird, was wir geirrt, gefehlt;
Und wie ein Traum verschwimmt das Bild der Welt,
Wo Haß ein Balsam war und Gift die Liebe.

Heloise
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

O blasse Heliose, o Zeit, wie weit!
Da fand auch ich in Nächten deine Zelle,
Und meines Herzens urgeheimste Schwelle
Erschloß ich dir, die mir gebenedeit.

Wie schmiegte sich dem klösterlichen Kleid
Folgsam des Busens mädchenhafte Welle!
Und wie, durchirrt von Blutes schneller Quelle,
Bebte dein Wort, dein Leib Ergriffenheit!

Die grauen, schweren Schatten müder Lider
Erhielten damals andern, süßen Sinn:
Nicht Tugend mehr, nur Wonne immer wieder!

Auf weichem Altar, heitre Priesterin,
Gabst du das Opfer der enthüllten Glieder
Lächelnd der Liebe deines Dichters hin.

Idol
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Wie ein Erinnern, das schon fast dahin,
Wie frühes Trachten, von der Zeit beschwichtet,
Wie eine Leidenschaft, die längst geschlichtet,
So tratest du im Traum vor meinen Sinn.

Und gabst dem Blut, daß ich von neuem bin,
Dem Herzen Glut, die wandelt und verrichtet,
Und hast der Hoffnung wieder mich verpflichtet,
Der Totgeglaubten, der Verführerin.

Um deineswillen könnte sich erheben
Der Geist vom Faulbett, wo ich ihn vertan,
Und lauschen deiner Schritte Näherschweben.

Für dich erwüchs' mir wieder Kraft und Plan,
Dem Werke mich, dem Leben hinzugeben —
Du aber gehst und siehest mich nicht an.

Nacht
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Unheimliche Magie der tiefen Nacht
Verstört mein Hirn, durchströmt mir die Tunelle
Des Bluts. Ein Hauch geht über meine Seele,
Ein kalter Hauch mit Schauderns Übermacht.

Im Freien hört das Ohr, das spähend wacht,
Seltsam Geraun, und Grauen schnürt die Kehle;
Doch in den Häusern fronen dem Befehle
Des Schlafs die Menschen, der vergessen macht.

Nur fern, aus Straßendunkel hergewendet,
Vorhanggedämpft ist wo ein Licht entfacht,
Das stillen, matten Schein herübersendet.

Beleuchtet dieses Lichtes späte Wacht
Den wilden Krampf, in dem ein Leben endet,
Oder den Taumel einer Liebesnacht?

Sommerliebe
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Wir liebten uns, als blauer Lüfte Schweigen
Und Sonnenglut auf blonden Ähren lag.
Die Eichen schatteten mit breiten Zweigen,
Wo deine Lust bacchantisch meiner pflag.

Die süßen Schwüre, die Verliebten eigen,
Die heitern Künste, die Begier vermag,
Was andere verschweigen und nicht zeigen,
Vertrauten wir dem flammenhellen Tag.

Und dann ward Herbst. In langen Zügen kehrten
Die Raben wieder, und auf trauten Fährten
Tu' ich nun einsam manchen Waldesgang.

Die Eichenblätter, die der Frost versehrte,
Fallen im Wind. — Ach deine Liebe währte
Nur einen Sommer, einen Sommer lang.

Testament
von Lorenzo Stecchetti 1845-1916

Und wenn ich tot bin, setzt an meinen Stein
Nicht etwa Myrthen, Efeu und Zypressen!
Auf Schmuck verzicht' ich! Der ist bald vergessen!
Ich will vielmehr: Mein Grab soll nützlich sein!

Wozu noch Blumen, wenn kein Hauch, kein Schein
Des Frühlings mehr mich aufweckt, und indessen
Das Kleid, das Gott der Seele angemessen,
Verfault, zerfällt: mein Fleisch und mein Gebein?!

Nein, pflanzt mir eine Rebe, daß mein Staub
Die Traube nähre und das Purpurlaub
Der Edelfrucht, die Duft versprüht und Funken!

So bring' ich noch als Toter Dank und Preis
Dem Leben dar und gebe tropfenweis
Der Welt den Wein zurück, den ich getrunken!


An den Schlaf
von Giuseppe Parini 1729-1799

O, sanfter Schlaf, der du auf zarten Sohlen
Durchs Dunkel herkommst, keinem Wesen fehlend,
Und alles Erdenweh und Menschenelend
Begütigest mit freundlichen Idolen,

Dort, wo die Liebste, sichrer Hut befohlen,
Entschlummert ruht, den kühlen Pfühl beseelend,
Mal' du in ihren Traum ein friedenstehlend,
Ein schrecklich Bild mit allen Leids Symbolen.

Und so mir ähnlich mögest du's vollenden,
Und solche Blässe künde meine Pein,
Daß sie erwachend muß Erbarmen spenden.

Und ließest du mir Dieses angedeihn,
Will ich dir schweigend und aus leisen Händen
Zwei neue Kränze frischen Mohnes weihn.

An die Amme meines Kindes
von Giovanni Chiggiato 1876-1923

Und Traurigkeit, urplötzlich, schattenhaft,
Trübt deinen Blick und läßt ihn heimlich blinken,
Indes dem Kind schlafmüd die Lider sinken,
Das Kinn noch feucht vom guten, starken Saft.

Du liebst es nicht und spielst nur Mutterschaft,
Wenn du ihm lächelnd gibst aus dir zu trinken,
Doch deinem Schmeichelwort und Augenwinken
Versagt der Ekel die Verstellungskraft.

Ich weiß, woran du denkst: ein fernes Tal,
Ein Haus und drinnen eine Wiege; Wind
Pocht an das Dach, und Schnee fällt manchesmal.

Doch bald ist Mai! — Nur daß indes mein Kind
Aus dir nicht trinke Sehnens Lust und Qual,
Fürs Leben als ein töricht Angebind!

Der Ochse
von Giosue Carducci 1835-1907

Dich lieb ich, frommes Tier! Dein sanftes Bild
Strömt Kraft und Ruhe meinem Herzen ein.
O feierlich, ein Denkmal, wie aus Stein,
Stehst du und schaust in's fruchtbare Gefild.

Wie beugst du dich dem Joch gefaßt und mild,
Gewandter Menschen schwerer Knecht zu sein!
Sie schlagen, schelten dich, doch alle Pein
Stört deinen Gang nicht, macht den Blick nicht wild.

Aus deinen Nüstern, dunkel, feucht und breit,
Wölkt Atems Dampf, wie Aufgebot zum Tanz
Jauchzt dein Gebrüll, in klare Luft befreit.

Und in der Augen herbem, süßem Glanz
Spiegelt die Welt sich ruhig, ernst und weit:
Göttlicher Frieden ebnen grünen Lands.

Aufstieg
von Giuseppe Parini Zucca

Stein sind die Stufen, steil und unbehauen!
Und ob sich dieser zitternd krümmt hinan
Und jener, Morgenröte auf den Brauen,
Den Erzschritt aufrecht setzt, was liegt daran?

Hinauf, hinauf! Und ob, von Schwindels Grauen
An Schläfen matt, ein andrer stürzt — wohlan,
Es schweige Wehgeschrei von Klagefrauen
Und Schwächlingen!   Was ist damit getan?

Ich sage euch: Dies ist nur Opferpflicht!
Was liegt daran bei solchem großen Wallen,
Ob der und jener in die Knie bricht?!

Wenn einer nur für alle und von allen
Dort oben ankommt, wo im Gipfellicht
Die Schleier vom Gesicht der Wahrheit fallen!

Der Schatten
von Giosue Carducci 1835-1907

Ich bin nicht einer, der bei Freundesmahlen,
Im Rausch des Weines Lust und Kurzweil sucht;
Mir lebt ein starrer Geist in harter Zucht,
Und meine Stunden sind voll Ekelsqualen.

Der Zorn nur stärkt mein Herz aus bittern Schalen,
Zum Flammentod in eigner Glut verflucht;
O meiner Hoffnungsjahre grüne Bucht,
Wie sah ich all dein Blühen früh verfahlen!

Selbst der Gedanken rege Schöpferkraft
Ist mir zur Zeit versiegt, und stumm belauern
Die leeren Tage mich gespensterhaft.

Nur einen Schatten fühl ich mich umtrauern;
Der ist voraus auf dunkle Wanderschaft
Und ruft mich nieder zu den kühlen Schauern.

Das Nest
von Giovanni Pascoli 1855-1912

Im kahlen Rosenstrauche hängt ein Nest.
O, einst im Lenz, wie quoll daraus und drang,
Wenn Atzung war, geschwätziger Überschwang
Zwitschernder Brut, erfüllend das Geäst!

Nur eine Feder blieb als armer Rest
Und haftet, vor dem Raub der Lüfte bang,
Gleich einem Traume, den die Seele lang
Festhalten will und endlich doch entläßt.

Und zu der Erde wendet sich die Schau
Vom Himmel ab, wo längst kein Liederklang
Mehr strahlend aufsteigt und zerstiebt im Blau.

Verweht von welken Laubes Niedergang
Sind alle Gründe. Durch das ewige Grau
Weint wie in Wellen weher Windgesang.

Die Brücke
von Giovanni Pascoli 1855-1912

Den Himmelsrand verbrämt grüngoldne Helle
Des Monds und löset Flur und Fluß aus Nacht.
Mit Lauten, die wie Schluchzen aufgefacht,
Am Brückenpfeiler bricht sich Well' um Welle.

Wo ist das Meer, das ruft? Wo ist die Quelle,
Die zwischen Gräsern murmelt? Welche Macht
Trägt dieser Wasser überglänzte Fracht
Zum fremden Meer von fremder Berge Schwelle?

Nun geht der Mond auf; die Zypressen biegen
Die Wipfel leis' am düstern Saum des Stroms,
Einander flüsternd in den Traum zu wiegen.

Flutenden Silbers, schimmernden Aroms,
Ruht das Gewölk, das unsichtbar erstiegen
Die blaue Leiter des kristallnen Doms.

Ende eines Tages
von Giovanni Chiggiato 1876-1923

Errechne, wem's gefällt, zur Feierstunde
Aus Ziffernzeilen, was der Tag ihm trug!
Ich steig hinauf, wo Licht noch stark genug,
Daß es die Seele vom Verdruß gesunde.

O lesebrauner Reben Hügelrunde,
Beflammt von Leuchtens letztem Atemzug,
Und fabelhafter Formen Bilderflug,
Aus Wolkengold gemalt auf Silbergrunde!

Nur Kinderjubel dringt in meine Ruh
Von Dörfern auf, die abendlich geborgen,
Und Zwiesprach ferner Glocken ab und zu.

Und du, o Tag des Lärms, der Qual, der Sorgen?
Und, die du eben schiedest, Sonne du,
Ist Welt jetzt wirklich besser als am Morgen?

Komödie
von Giuseppe Parini Zucca

Der Zettel kündet grell: Ein Stück zum Lachen!
Der Titel: Leben! Nur in einem Akt!
Personen: Hunde. Und man lacht sich nackt,
Viel mehr, als die Plakate es versprachen.

Und auf der Bühne immer tollre Sachen!
Da stockt das Spiel! Und Aug' um Auge flackt,
Wie jäh von Abgrunds Schwindel angepackt.
Fiel's dem Souffleur ein, sich davon zu machen.

Nicht doch. Nur eine Alte tritt geräuschlos
Zum Saal herein. Ein schwarzer Flor umwellt
Das Haupt, das haarlos, die Gestalt, die fleischlos.

Ich sah sie oft, von Dürer dargestellt.
Und schrill aus ihr bricht lachendes Gekreisch los!
Da schluchzt das ganze Haus. Der Vorhang fällt.

Magisches Porträt
von Giuseppe Parini Zucca

Mann oder Weib? Weiß Gott. Dies Konterfei
Gibt eines Menschen Antlitz nur in Resten
Und hält den Zweifel, den es weckt, zum besten:
Ist dies ein Papst? 'ne Hure? Ein Lakai?

Jetzt blickt es Leid! Doch sieh, es grinst dabei!
Und sein verjährtes schimpfliches Gebresten
Verdeckt es mit theaterhaften Gesten.
Es lebt! — Genug! — Warum, ist einerlei.

Und dieser Molch, zu Ja und Nein bereit,
Dies Schreckbild, dieses Spottgesicht ist so,
Daß es uns äfft durch viele Ähnlichkeit:

Sah nicht ein Freund so aus, ein Weib, ein Feind?
Ein Lebender, ein Toter irgendwo? —
Doch schau genau! — Bist du nicht selbst gemeint?

Selbstbildnis des Dichters
von Ugo Foscolo 1778-1827

Gefurcht die Stirn, tiefliegend-scharf der Blick,
Fuchshaarig, Wangen welk, ein kühn Gesicht,
Heißfeucht der Mund, die Zähne blank und dicht,
Breitschultrig, Haupt geneigt, ein stolz Genick.

Der rechte Wuchs, die Tracht von edlem Schick,
Gang, Denken rasch, die Rede kurz und licht,
Rechtschaffen, menschlich, nüchtern, nobel, schlicht,
Abhold der Welt und unhold mir das Glück.

Des Worts bisweilen, oft der Tat ein Held,
Einsam zumeist, doch stets in Leid und Last;
Beweglich, zäh, jähzornig, hastgequält.

An Fehl und Vorzug reich, Enthusiast
Kühler Vernunft und doch gefühlsbeseelt,
Gilt es, zu tun. Im Tod erst: Ruhm und Rast!