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Anzengruber Ludwig

Gedichte und Aphorismen
Gesammelte Werke in zehn Bänden
Fünfter Band

Stuttgart 1897
Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger

Mundartlich
 

D'Hauptsach'
'm Buab'n sei Gebitt
Vertrauliche Zwiesprach
's alten Sepps Stoßseufzer
Der Taubenkobel
Beim Schatz'
Bauersleut' im Künstlerhaus
Ein Kunstfreund
Zu Bildern von Defregger
Die gebissene Gans
Da Zwoasilbig'
Sag'n im Summer dö Halm'

D'Hauptsach'

(November 1886)

Mei' Vetta, mütterlicher Seit',
Der treibt dö Herrgottschnitzerei;
Dem stell' ich aft dö längste Zeit
Mich an sein' Werkbank nah' hiebei.

I schau' eahm zu da bei sein' G'macht,
Und amal mußt' ich frei ihn frag'n:
Wie er dös Ding denn ferti bracht',
Selb' möcht er mir africhti sag'n.

"Jo," lacht er, "lieba Vetta mein,
Dös is doch nur a Kloanigkeit;
Im Pflöckl steckt da Herrgott drein,
Nur daß mer's übrig' weggaschneid't."


Draf sog' i, daß mich wunda nahm',
Daß niemal koan Malör eahm g'schiecht,
Eahm 's Messa nie daneben kam'
Und er durchs Holz frei durisiecht.

"Jo, Bübal," sogt er, "schau, af Ehr',
Do will halt koan Ausdeutschen gehn,
Denn wann ich d'Sach' so recht erklär',
Dann is s' glei gor nit zun verstehn.

I konn mi net z' behaupta trau'n,
Daß 's eppa meine Augna soan,
Dö anderscht in die Welt h'neinschau'n,
Als wie sie's bei dö mehrern toan.

I woaß nit, wann ich 'en Schnitzer führ',
Is's d'Hand, dö alles da verricht't,
Is's was, was ich im Herz' verspür',
Is's was, was sich mei' Kopf ausdicht't?

Woher mir's kimmt, bei meiner Seel',
Ich rat's nit, wurd' ich noch so olt,
Ob's oaner herninmt, wo d'r wöll',
Nur haben, haben muß er's holt!"


'm Buab'n sei Gebitt

O, himmlische Muatta, bitt für!
Schwar krank liegt mei' herzliabe Dirn',
Der Tod steht ganz nohat bei ihr;
O, laß mi mein Schotz nit valier'n!
O, sag's frei, da himmlische Herr,
Er hätt' ja doch Engel schon g'nua,
I waß von da Schul', a neun Chör',
Da braucht er doch koan mehr dazua.
Und i hätt' mei' Lebzeit a G'nüag'n,
Won er ma de Oane vagunnt,
Und nimmt er s', so müaßt' i' frei lüag'n,
Zu sog'n, wie er's guat mocha kunnt'.
Schau, wollt'st mer erretten mei' Dirn',
O, himmlische Frau, aus oll'n G'fahr'n,
Tat i a Wachskirzen spendier'n

Grod von meiner Dirn' ihrer Schwar'n;*
Doch nit, wie s' am Tanzbod'n voron
Flaumfederleicht fliegt – war nöt schlecht, –
Beim Wachsler, do sog' ich ihr's schon,
Daß sie si wen'g schwar mocha möcht'.
Na, gelt, es is recht?!

*Schwar'n – Schwere

Vertrauliche Zwiesprach
(Dezember 1887)

"Du mei' herzliab's Schotzerl,
No, sog mer nuar grod,
Ob dir noch koan ondra
In d'Aug'n g'stochen hot?"

"Dann loß a mei' Bua glei
Dich fragen vor oll'n,
Hot dir eppa nia noch
Koa' ondri nit g'foll'n?"

"Ei, schau, du mei' Dirndal
Und hätt's dös a ton,
Dir ziemt do koa Neugier,
I bin jo a Mon!"

"Und i bin a Dirndal
Frei ledig allweg'n,
Und liegt dir on mir, is
Om ondern nix g'leg'n!"


"Es is a im Grund doch
A dalkatas Frog'n,
Mer scheut sich vorm Lug'n und
Mog d' Wahrheit nit sog'n."

"No, sixtas, mei' Büabl,
Dös moan' i holt a,
Und liabt ma sich recht, g'schiacht's
Doch ollwal zu zwa!"

's alten Sepps Stoßseufzer
(31. Mai 1881)

Ei du liebes Menschenleben!
Kommt mer aus der Mutter Schoß,
Wird mer so geboren eben,
Wie dös Kailbel und dös Roß,
Is mer gleich a mehr verständig,
Macht ein' dös nur mehr elendig.

's Kailberl, als unschuldig's – Bengerl,
Weiß noch nix vom Oxenschlag'n
Und dös Füllerl träumt kein wengerl
Von dem schweren Ziegelwag'n;
All dös kimmt zu seine Zeiten
Und wann's da ist, muß mer's leiden.

Ei wohl, 's Vieh dös lebt wie blinder,
Kennt kein' Ängsten, denkt kein' B'schluß,
Doch uns arme Menschenkinder
Lehrt der Katechisimus:
"Z'höchst da schleppt mer sich siebz'g Jahr' hin
Und zum Schluß da wird mer gar hin!"

Kaum noch nach dem Bröserl Dasein
B'sinnt sich so a arme Seel',
Soll s' auch schon auf Nein und Ja h'nein
Gleich in Himmel oder Höll'; –
Ach, dös allz'samm' könnt' mer z' schiech sein,
Möcht' schon lieber gleich a Viech sein!

Der Taubenkobel

Wonn mer 'en Michelbauern frogt,
Wie er si mit sein' Wei vatrogt,
So tut er zun vasteh'n oam geb'n,
Daß s' all' zwoa wie dö Täuberln leb'n.

Do denkt a seiner G'vattersmon:
"Schaugts d'r den Taubenkobel on!
I siech fürs Leben gern so poor
Baliabti Keßtelflickermor'!

Fahrst hin zu dö zwoa glücklig'n Leut'.
Es kost't koan Haus, machst eahna d'Freud'!"
Er setzt sich af dö Eiserbohn,
Mit derer kimmt mer schnell hindon.

Er trifft ins Ort, jed's Kind woaß Red',
Wo Michelbauers Hütten steht.
Doch wie er klopfen will an d'Tür,
Da macht 'n a Spektakel irr'.

Drein geht's wie in 'ra Reitschul' zua,
Es kirrt a Dirn, es fluacht a Bua,
A Wickelkind is a no z' hör'n,
Dös d'Seel si aus 'n Leib will plärr'n.

Den G'vattern aber neugiert's groß,
Er druckt dö Tür schnell aus 'm G'schloß,
Und is am erschten Blick scho g'wiß,
Daß er beim Michelbauern is.

Durch d'Stuben last a Kinderpaarl,
Dös gleicht 'en Eltern af a Haarl,
Da kloane Bua oan Borschtwisch führt,
Dö Dirn' si mit oan Holzschuach wihrt.

Sö jag'n anander um dö Wieg'n
Und wonn sa si zun fassen krieg'n,
So setzt's ganz g'hörig Pläscher oh.
Der G'vatter schreit: "Wos treibt's denn do?"

Da stengen s' steif als wie dö Schrog'n
Und wissent onfongs nix zan sog'n,
Donn keift es Dirndel in da Still'n:
"No, Voda-Muada tan mer spiel'n!"

Beim Schatz'

Mein' Schatz dem los ich zua,
Wia er tut Zithern schlag'n,
Und mir verstehen sich
Ohne a Wörtel z' sag'n.

Z'erst kommt a Kirchenlied:
"Daß 'n Gerechten regn't,"
Um dö Zeit sein mir uns
Das erste Mal begegn't.

Und wann s' ihr Füßerl hebt
Und ihr hell' Äugerl glanzt,
Dann hebt der Landler an,
Den mir zuerst hab'n tanzt.

Dann kommt: "No, bist mer treu?
Magst oder magst mich net?"
So kloane Strittigkeit
Und viel verliebte Red'.

Dann spielt s' noch weiter furt,
Da bin ich neamer z'Haus',
Was dös bedeuten tut,
Dös steht noch alles aus!

Bald weiß ich neamer und
Bald weiß ich, wie mir g'schiecht,
Bin so freudlebig, daß
Mich a koan Tod zernicht'.

Ich sitz' und ich sinnier',
Da klingt der letzte Ton,
No Dirndl, sag mir frei,
Was kriegst zum Lohn?

Bauersleut' im Künstlerhaus

Es soan zwa alte Bauersleut'
In d'Weanstadt einikämma,
A Vetta tut s' voll Freundlikeit,
Wo's z' schaun gibt, mit hinnähma.

Der Schlankel oba der hat's a
Gar faustdick hinter 'n Uhren
Und hat sich amal mit dö zwa
Ins Künstlerhaus verluren.

Sö tappen da von Saal zu Saal,
Doch soan s' no kaum im zweiten,
So fangt dö Bäu'rin mit amal
Zun winken an und deuten.

"Ui jegerl, Monna, schaugt's af d'Seit!
Des nehmts an d'Seel'n sunst Schoden!
Do hängen g'molne Weiberleut',
Dö trog'n am Leib koan' Foden!

I bin doch selber a a Wei'
Und woaß mi net zun fossen
Und woaß nit, wo mer da dabei
Söllt' seine Augen lossen!"

Der Bauer stolpert neben ihr
Hinein ins nachste Zimmer,
Er halt't 'n Huat vor d'Augen für,
Denn d'Sach wird allwal schlimmer.

"Mei," sagt er "'s is a Sünd' und Schond',
Dös siecht jo wohl a jeda,
Doch kimmt 'leicht 's Molen ohne G'wond
Halt billiger; net, Votta?"

Da wird die Bäu'rin wild und schreit:
"No dös möcht' Gott verhüten!
Dös war dö rechte Sporsomkeit,
Dö söllt' mer doch vabieten!

Und bin i hitzten a gleich olt,
I ließ' mi so nit molen
Und nit in Güten, nit in G'wolt!
Mer dürft' mi dafür zohlen!

Daß i vor oa'm söllt' so hinstehn,
Dös war' a Untafanga!" –
"Na," sagt der Baua, "loß nur gehn!
's wird's koana si valanga!"

Ein Kunstfreund

Da Olt':

Du Sakra, du, wos soll dös hoaßen,
Was rennst mit Molern umanond?
Schleppst eahner, wonn s mit dir nur g'spoaßen,
'n Rucksack bis auf d' höchsti Mond?
Ja, konn er mol von sö d' erbetteln
A so a ong'kritzelt's Popier,
Ins Betbuach legt er gor dö Zetteln,
Als waren s' Heilig'nbildeln schier!
Loß di beizeit den Weg abdränga,
Dös Molwerk geht di gar nix an,
Do host di nit damit z' bemenga,
Du wirst amol a Bauersmon.
'en Leichtsinn aus dein' Köpfel schlogen
Müßt' i, wonn d' selbn eha nit valernst!
Schiaßprügel erscht, donn Steuer trogen,
Mei liaba Bua, dös Leb'n is ernst!

Da Jung':

Schau Voda, sei do' nit so neidi!
A Mon wir i erscht mit 'n Johr'n.
Der Ernst der kimmt no allwal zeiti, –
Valong' mer 'n gor nit zu d'erfohr'n!
Drum renn' i jo so gern hindonna
Vom Haus weg mit dö Künstlerleut',
Sö selber san lustige Mona
Und gunnen ondern a a Freud'!
Du moanst, es war' bei sö nix z' lerna?
Ei, schleich di zuchi nur sein still,
Bold mirkt's a jeda do von eahna,
Der sicht nur, was er sechen will.
Es hat do neuli oana d'Linden
In Hirschenwirt sein Hof abg'schrieb'n,
A großa Saukob'n steht dahinten,
Der is vom Bildel weggablieb'n.
Sixt Voda, grod so möcht' i's mochen,
Do konn dö Welt mei' Zeit mer taug'n,
I b'holt' mer af dö schöna Sochen,
'en Saustoll loß i aus 'n Aug'n!

Zu Bildern von Defregger

1.
Die Maler

(1887)

Da Führa hat zwoa Stadtherrn g'bracht
Zur Senderin, da saubern;
Was wöllen dö zwoa G'sellen denn,
Wöll'n s' wildern oder raubern?
No schaugt's eng 's Bild nur voreh' on,
D'Mural kimmt nachher hintendron.

Da oan' Herr biet' da Dirn' oan' Trank,
Sie lacht eahn freundli on zan Dank;
Daneben steht ihr Schotz, da Bua,
Und macht gar wilde Aug'n dazua.
Da zweiti Stadtherr blinzt dös Leut
So seitlings an, als war's a Freud'
Für eahm und wahrer Augentrost,
Je mehrer sich der Bua d'erbost.
Und leichtlich mit van Ausgang schliaßt
Dö Sach', der möcht' gar koa'm nit g'fall'n,
Da half' nur oans: 'es Dirndel müaßt'
'n Malerleuten halt was mal'n.*

*Jemandem etwas malen, parodistisch:
jemanden zum besten haben, derb abfahren lassen.

 
2.
Die gebissene Gans

(1887)

Anzengruber hatte über Aufforderung der "Concordia" in Prag,
"Verein deutscher Schriftsteller und Künstler in Böhmen",
für einen Defregger-Abend (29. Januar 1887) diese Texte zu
ebenden Bildern nach den Gemälden des Meisters gedichtet.


A jede Sünd' find't ihren Lohn
Und Straf' dö muß af Erden sein!
Wir laden zur Ekschekutschjon
Hitzt von oan argen Mürder ein!
Wie er sich da aum Boden wind't
Und kriechen tut als wie a Wurm,
Dö Gans, dö heunt noch leben künnt',
Is grad vurhin durch eahm versturb'n.
's ganz' Auditorium dös steht
Voll Schreck ob derer Schlechtigkeit,
Na, na, so wor koan Haushund net
In früh'rer guter, frummer Zeit!
Und künnt mer's nur noch sicher wissen,
G'schiacht wirklich eahm so hart und weh?
Da Racker hat am End' koan G'wissen
Und fürcht' sich ledig nur vor d'Schläg'.
's is dös wohl freilich a a Grund,
Denn gern laßt sich gar koaner schlag'n,
Und schließlich is ja doch da Hund
A Mensch a, mit Respekt zu sag'n.

3.
Da Zwoasilbig'

(1884)

Auf Einladung der Wiener Künstlergenossenschaft für ihr
Weihnachtsalbum gedichtet.


Wie's da Defregger g'moant hat, meine Herrn,
Werd' ich dös Bildel vielleicht net d'erklär'n,
Doch därf dös eng nöt, noch 'en Master kränken,
Ich greif' nöt viel daneb'n, so sollt' ich denken.
Dös Weibsleut scheint mer, dös is oans, was gern
Mit jeden lacht und plaudert, doch in Ehr'n,
Dös Monleut – denk' ich mir a wengerl faul,
Schon weil er d'Ludel mitführ'n tut im Maul;
Ich hoaßet's, – soll a Aufschrift amol drüberstehn:

A Dorfplausch im Vorübergehn.

"No, Fei'rob'nd, Veit? Is d'Arbeit 'ton?" – "Dös schon!"
"Han, woaßt daß d'Trautel wieder da sein soll?" – "A wohl!"
"Dö was dein Schatz von eh'nder wor" – "Wos gor!"
"No, ganz umsunst is doch wohl koan so G'red'." –
"'Leicht nöt?"
"A bisserl wos möcht' doch dron sein." – – "No, mein –"
"Z'weg'n ma hat d'Sach' sich zwischen eng zerschlag'n?" –
"Müßt s' frag'n."
"Moanst, daß ich 's Rätsel lösen tua?" – "Geh zua!"
"Hast 'leicht von ihr z' viel g'wußt und just nix Schön's." –
"Na, Zenz!"
"Dann sie von dir nit weni!" – "Pfüat God, hitzt geh'n i!
Nur oans muß ich entschuldiga, weil's just noch geht,
Daß ob'n ich nur dö Herrn und nöt a d'Frau'n anred'!
Nur weil für d'Kratzfüß' d'Verschfüß' fahl'n, so macht si
Vor d'Artigkeit a Schuber."

November achtzehnhundert vierundachtzi zu Wean L. Anzengruber.

Sag'n im Summer dö Halm'

Sag'n im Summer dö Halm':
"Uff, wir müssent vadorr'n,"
Sag'n s' im Winter gleich drauf:
"Husch mir seind schon vafror'n!"
Af der Tenn', in der Mühl',
Jahr für Jahr, wia da will',
Fehlt's doch niemal an Korn.

Und so klagt a der Mensch,
Daß wen'g Freud' er erwirbt,
Daß dös Wen'g no dazu
's leidig' Leb'n ihm verdirbt,
Und trotz Jamma und G'schroa
Tun s' sich z'samma zu zwoa,
Daß dö Welt nöt ausstirbt.