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Buch 3/2
 

Der Künstler
Hans in der Stadt
Wald und Salon
Eisenbahnen
Wahlspruch
Herrschaft
Die Saaten der Liebe
Feind und Freund
Am Morgen jeden Tages
Zufriedenheit
Bav
Widerspruch
Weiber
Liebe
Schulen in Großkrähwinkel
Schwer und leicht
Mittel zur Zufriedenheit

 
An Guttenberg
Bouffé
Erfolg
Unsere Wünsche
Bestimmung
Halbheit
An einen Dichtlustigen
Journale und Eisenbahnen

 

Der Künstler

An einen Kritiker

Einer sagt, — mein Werk sei schlecht,
Einer, ich sei fern vom Ziele —
Einer hat vielleicht auch Recht,
Aber Einer macht nicht Viele.

    Und für Viele wirk' ich doch,
D'rum erlaub' mir, daß ich's wage
Und gelegenheitlich noch
And're um ihr Urteil frage.

Hans in der Stadt

In einer Stadt, den Namen weiß ich nimmer,
Sah ich ein junges bleiches Frauenzimmer,
Zum Himmel hob sie weinend ihre Blicke,
Die Hände fesselten gewalt'ge Stricke.

    Sie war umgeben von vier Henkersknechten,
Zwei gingen linker Seit', und zwei zur rechten,
Und hinter ihnen kam ein großer Karren
Voll Untersuchungs-Akten nachgefahren.

    Das Weib, weil sie zwei Tage nichts gegessen,
Hatt' eines Hering-Diebstahls sich vermessen,
Der Krämer wollte nicht zur Haft sie bringen,
Doch die Justiz ist streng in solchen Dingen.

    Querüber ihr ging mit zufriednem Blicke
Ein Bankrottierer, der mit gutem Glücke
Vier Millionen wußte zu ersparen,
Die Equipage kam ihm nachgefahren.

    Er eilte eben vom Champagner-Schmause
Erfolgs gewiß zum Pharospiel nach Hause.
Hei! wie von Allen, die vorüber zogen,
Die Hüte grüßend schier zur Erde flogen.

    Da dacht' ich mir, betrachtend alle Beide,
Das bleiche Weib, den Herrn im schwarzen Kleide:
Du darfst in dieser guten Stadt wohl fehlen,
Doch nur nicht etwa einen Hering stehlen.

Wald und Salon

Wie seid ihr doch so gleich in Allem
Wald und Salon, Salon und Wald,
Ihr Beide wirkt auf verschied'ne Leute
Ganz mit der nämlichen Gewalt.

    Es herrscht in Beiden die grüne Farbe —
Das grüne Blatt, so voll und frisch,
Ist's, was uns zumeist gefällt im Walde,
Und im Salon der grüne Tisch.

    Und überall viel Musikanten
Im Walde, so wie im Salon,
Hier nur manchmal Verstimmung und falsche Töne,
Doch überall der gute Ton.

    Dort schwatzen Vögel durcheinander,
Und was zusamm' hier sitzt und steht,
Schwätzt gleichfalls in seiner Art und Weise,
Nur daß es nicht ganz so vom Herzen geht.

    Weil hier wie dort beliebt das Jagen,
Sieht Hörner man, hört ihren Ton.
Es fallen viel Opfer im grünen Walde,
Es fallen Opfer im Salon.

    Nur Eins unterscheidet Euch wieder Beide
Ihr seid verschieden an Gestalt,
Es ist der Salon eine große Fläche,
Und starke Bäume stehn im Wald.

Eisenbahnen

Nur schnell, nur schnell, nur rasch voran,
Nur vorwärts mit dem lieben Leibe!
Wie schön vereinst du, Eisenbahn,
Den Nutzen mit dem Zeitvertreibe.

    Wie blüht durch dich im Augenblick
Der Segen auf von Pfund und Elle,
Gewerbs-Verein und Krämerglück —
Es lebe das Industrielle!

    Und wie man da genießen mag,
Man kann in einem Land dinieren,
Und ohne Müh' am selben Tag
In einem zweiten Land soupieren.

    Ihr raisoniert da mit Verstand,
Nehmt immerhin die guten Sachen;
Was man in einem Land erfand,
Ist in dem andern nachzumachen.

    Verschafft's euch Nutzen und Genuß,
So macht Gebrauch von eurem Glücke,
Schiebt immer vorwärts Hand und Fuß,
Nur bleibt nicht mit dem Kopf zurücke.

Wahlspruch

Willst du im Leben glücklich sein,
So mach's vor Allem nicht zu fein,
Sei nicht zu ängstlich in der Wahl,
Denn mit der Wahl kommt auch die Qual.
Was man am Klügsten ausgedacht,
Hat meist am Schlecht'sten man vollbracht.
Treib's keck, sogar mitunter toll,
Und denk: was sein soll schickt sich wohl.
Wie's kommt, geh' links — rechts — grade zu
Das Glück spielt mit uns blinde Kuh;
Die faßt's, die grad zur Hand ihm steh'n,
Und läßt sie selbst nicht weiter geh'n.

Herrschaft

Nichts lebet ohne Herrschaft hier,
Ist er nicht außer dir, so ist der Herr in dir
Der Kaiser ist der höchste Mann
Und doch sich selber untertan.

Die Saaten der Liebe

Wer Liebe ausgesät, er erntet sie gewiß,
Zerschlägt auch Jahr für Jahr die Frucht manch Hindernis.
Der Liebe Samenkorn hat so viel Lebenskraft,
Daß er im Keime schon der Blüte Segen schafft.


Feind und Freund

Gut ist's, dem Feinde die Kraft zu nehmen,
Besser, ihn durch Verzeih'n beschämen,
Aber am Besten wirst du handeln,
Wirst du den Feind in Freund verwandeln.

Am Morgen jeden Tages

Was wird wohl der Tag mir bringen,
Ist's Verderben, ist's Gelingen?
Überströmt er mich mit Segen,
Wird er in das Grab mich legen?

 
Zufriedenheit

Himmlisch schmückt sie das Weib, doch darf der Mann sie nicht kennen,
Kampf um des Traumes Gewinn ist ihm des Lebens Gesetz.

Bav

Herrlicher Kopf vom Apoll der Ludovikischen Villa! —
Unnütze Ware, meint Bav, —wenn er die Leier nur hat!

Widerspruch

Besser lebt Jeder so gern, und doch wünscht er krank gute Ärzte,
Da der schlechte nur zu besserem Leben ihn führt.

Weiber

Wenige lieben Gefahr und wenige werden sie suchen,
Sucht aber sie die Gefahr, werden auch wenige flieh'n.

Liebe

Wie der Gärtner dich pflegt, du zarte Blume des Lebens,
Gibst du ihm ewige Lust, gibst du ihm ewige Qual.

Schulen in Großkrähwinkel

Herrlich wäret ihr, traun! wenn etwas anders ihr wäret,
Muster jeglichem Land lehrtet statt Vielen ihr viel.

Schwer und leicht

Arbeit und Mühe und Schweiß, sie helfen uns Manches erwerben,
Rasch aber, sicher und leicht, findet und siegt der Geschmack.

Mittel zur Zufriedenheit

Tu' Jedem Gutes, und zähl' nicht auf Dank hienieden,
So lebst du mit dir selbst und mit der Welt zufrieden.

An Guttenberg

Du brachtest in das düstre Leben
Ein ewig unvergänglich Licht,
Ihm können Stürme sich erheben,
Verlöschen können sie es nicht.

Bouffé

Du bist ein Wunder uns'rer Zeit,
Du siegtest echter Kunst zur Freude
Durch Wahrheit und durch Einfachheit
Im Land', wo man verhöhnet beide.

Erfolg

Was der Verständ'ge gewollt, nicht was dem Toren gelungen,
Ist der Beachtung und ist auch der Belohnung nur wert.

Unsere Wünsche

Wir nennen's Unglück, wenn der Herr nach seinem Willen
Was wir begehrten, nicht geneigt war zu erfüllen.
Welch' größer Unglück, wenn der Herr nach unserm Willen,
Was Alles wir begehrt, hält' wollen auch erfüllen.

Bestimmung

Welche Kraft üb' ich aus von all den verschiedenen Kräften?
Welche du willst, doch es gilt: Alles zu sein, oder Nichts!

Halbheit

Halb da habt ihr's und halb, zwei Hälften, aber es wird doch
Wie dies Jahrhundert gezeigt, immer ein Ganzes daraus.

An einen Dichtlustigen

Richte, mein dichtender Freund, und hast du gedichtet, so dichte,
Dichte dann wieder, und dann — dichte nur immer so fort.

Journale und Eisenbahnen

Es werden des Gedankens Strahlen
In Form von Raum und Zeit gebracht,
Seit Eisenbahnen und Journalen
Wird weniger als sonst gedacht.

    Es könnt' auch wohl nicht anders kommen,
Des Denkens Formen sind zerstreut,
Den Raum hat Eisenbahn genommen,
Journale stehlen uns die Zeit.