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Aus dem Buch der Liebe
 

Der Brief
Fragen
Liebewunder
Geheimnis
Einerlei
Der Myrtenzweig
Perle, Rose und Lied
Lilie und Rose
Der Spiegel
Die Pappeln
Schwärmerei
Gute Nacht
Die Schiffende
Das Grablied
Wehmut
Verbot
Das Rosenblatt
Unvermutetes Lied
Die Blumengießerin
Die Mythe
Nachklang

1.
Der Brief

Wenn die Liebe nun ein Brief ist,
Der bedeutungsvoll und tief ist,
Muß ein süßer Mund ihn siegeln,
Sein Geheimnis streng zu zügeln;
Schreiben muß ihn eine Seele,
Daß ihm Innigkeit nicht fehle:
Aber mit dem Herzen lesen
Müssen ihn verliebte Wesen.


2.
Fragen

Frage mich nicht, ob ich liebe?
Überflüssig ist dies Wort,
Wo ein Herz im Flammentriebe
Ringt zu seinem Himmelsport;
Wo die Seele lebt im Trachten
Und im ewigen Verschmachten,
Wo die Trennungstunden trübe,
Heiße Liebesglut ist dort.

Frage nicht nach meiner Treue:
Blumen müssen aufwärts seh'n,
Muß in seiner Sonnenreihe
Sich der Stern nicht ewig dreh'n?
Ist's dem Kämpfer je gestattet,
Daß er vor dem Ziel ermattet?
Glaubt ihr denn, daß ich, der Freie,
Schlechter'n Weges werde gehn?

Lieb und Treue, Treu und Liebe
Halten aneinander fest,
Wie im großen Weltgetriebe
Sich genüber Ost und West;
Denn aus gleicher Wurzel stammend,
Und zu gleichem Himmel flammend,
Sagen laut sie: Liebe übe,
Wer von Treue niemals läßt.

Frage mich nicht, wem ich weihe
Meiner Seele stille Glut,
Und in welcher Haft dies scheue
Herz so eng gefangen ruht?
Eine ist es, lieb wie keine,
Eine engelschöne, reine,
Deren Aug' in holder Bläue
Niederlächelt mild und gut.

Aber frage mich auch nimmer:
Ob ich wieder bin geliebt?
Ob auch ihres Auges Schimmer
Süßen Hoffnungsstrahl mir gibt?
Ob sie liebend mich verstanden,
Rettung übend aus den Banden,
Oder ob sie grausam immer
Dieses arme Herz betrübt?

Frage nicht: ich müßte weinen,
Wär' sie meiner Leiden Grund,
Machte mich ihr hold Erscheinen
In der Seele doppelt wund;
Frage nicht: ich müßte schweigen,
Wäre liebend sie mein eigen,
Denn dies Glück gibt Eine Einem,
Und der Eine Keinem kund.

3.
Liebewunder

Über Allen, wie ein Himmel,
Ist die Liebe ausgespannt,
D'rin ein lichtes Sterngewimmel
Von Gefühlen allerhand.

Fröhlich sieht der Mond hernieder,
Gehn Verliebte Hand in Hand,
Herz und Sinn und Augenlider
Sich und ihm nur zugewandt.

Und die goldnen Sterne stehen
Wie ein Hochzeitfackelbrand,
Um das Brautfest zu begehen,
Das sich hier zusammenfand.

Stern- und Engelblick hinunter,
Menschenaug' hinaufgewandt: —
Solche zauberhafte Wunder
Bringt die Liebe nur in's Land.

4.
Geheimnis

Was an Liebe du erfahren,
Trage tief in deiner Brust,
Wo es Keiner mag gewahren,
Keinem außer dir bewußt.

Sieh den Berg, im Felsenherzen,
Wie er alles wohl verbirgt,
Was er je an edlen Erzen
Oder Steinen ausgewirkt.

Sieh die Perlen, wie Gedanken
Schlafen sie im Muschelhaus,
Das sie innen ganz durchranken,
Niemals treten doch heraus.

Und dein eignes Herz, der Riese
An Gefühlen und an Glut,
Sieh, wie es im Paradiese
Deiner Brust verborgen ruht.

Also deine Liebe wahre
Tief in deines Busens Schrein,
Das Geheimnis offenbare
Der Geliebten nur allein.

Denn nur Liebende beglücken
Kann die Liebe — Andre nicht:
So wie Sterne nur entzücken,
Die da sehen — Blinde nicht.


5.
Einerlei

Im Gebüsch auf leichtem Zweige
Sitzt die Nachtigall im Mai,
Ob sie singe oder schweige,
Ist ihr wohl nicht einerlei.

Baumbelaubt im Mondenscheine
Steht ein Jüngling gut und treu,
Ob er juble oder weine,
Ist ihm wohl nicht einerlei.

Aber am Balkone drüben
Lehnt ein Mädchen schlank und frei:
Lieben oder tief betrüben,
Ach, — es gilt ihr einerlei!


6.
Der Myrtenzweig

Auf des Ganges raschen Wogen
Seht den schönen Myrtenzweig:
Des Gesanges Vögel zogen
Einst um jenen Myrtenzweig;
Segelschnell wird er getrieben
Jetzt in's unermeß'ne Meer:
Vögel, wo seid ihr geblieben,
Holt ihn keiner wieder her?

An des Ganges Uferrande
Wandelt still ein Jüngling hin,
Trüben Klanges durch die Lande
Läßt er seine Lieder ziehn;
Lotosblumen neigen leise
Ihre Kronen all vor ihm,
Und in's Auge steigen heiße
Tränen ihm mit Ungestüm.


Nach der Flut sieht er mit Weinen,
Die den Myrtenzweig entführt:
Bis dem Meere sich vereinen
Strom und Myrtenzweiglein wird;
Und kein Nachen, zu erjagen
Jenen Flüchtling, ist zur Hand:
Und kein Vogel, welcher tragen
Wieder möchte ihn an's Land.

Heil'ger Strom, du reinigender,
Den Brahmana ausgesandt,
Jetzt ein Herzenpeinigender,
Weil das Liebste du entwandt;
Gib zurück die grüne Beute,
Glück zurück und Herzensruh,
Und dann kühner Pilger, schreite
Deinem großen Brautbett zu.

Aber ach, die Wogen ziehen
Und das Myrtenzweiglein fort,
Sterben wird es und verblühen
In der Wellenwüste dort;
Bald wird auch der Jüngling enden,
Ein verblüh'nder Myrtenzweig:
All dies Unglück konnte senden
Ein entflieh'nder Myrtenzweig.


7.
Perle, Rose und Lied

Jede Träne, die ich weine,
Wird zur holden Perle dir,
Die mit liebesanftem Scheine
Dienen muß zu deiner Zier.

Jeder Seufzer, den ich stöhne,
Wird zum lieblichen Gedicht,
Der von dir, du milde Schöne,
Und von deinen Reizen spricht.

Jedes Blatt, das ich dir sende,
Voll von Klagen und von Glut,
Wird zur süßen Rosenspende,
Die an deinem Busen ruht.

Und so ist dir wohl im vollen
Perlenschmucke keine gleich,
Denn mein Schmerz, dem sie entquollen,
Ist an ihnen ewig reich.

Überreich bist du an Sängen
Und an süßer Liederlust,
Denn so viele Seufzer engen
Tagesüber meine Brust.


Und ein holder Rosengarten
Muß dein Busen wohl schon sein,
Weil sich Klagen aller Arten
Bei mir an einander reihn.

8.
Lilie und Rose

Die Lilie und die Rose
Sind sich geworden gram,
Seit mit süßem Gekose
Mein Lieb zu ihnen kam.

Mich hat sie nur gemeinet,
Sprach Rose weich und süß,
Aus meinen Blättern scheinet
Ein Morgenparadies.

Aus meinem Herzen schwirren
Viel Düfte auf mit Lust,
Die wollen sich verirren
An ihre milde Brust.


Die hat sie aufgenommen,
Wie roten Liebesgruß;
Drum sagte sie: Willkommen!
Und nickte manchen Kuß.

Du Liebekranke, Bleiche,
Du warst ja nicht gemeint,
Die du im Blumenreiche
Erscheinest blaßgeweint.

Drauf hat die Lilie streitend
Das Gegenwort geführt,
Der Rose ernst bedeutend,
Wie sehr sie sich geirrt.

Doch wem das holde Wesen
Willkomm gesagt und Gruß?
Das kann nur Einer lösen,
Der — es verschweigen muß.


9.
Der Spiegel

Wenn ich mich je vergleichen möchte Dingen,
So wollt' ich einem Spiegel mich vergleichen,
Worein ein Wesen aus des Himmels Reichen
Sein holdes Bild und seinen Blick läßt dringen.

Du aber bist der Engel, dessen Schwingen
An diesem Spiegel sanft vorüberstreichen,
Und dem ich, als ein treues Liebeszeichen,
Sein schönes Abbild strebe darzubringen.

So hab' ich mit dem Diamant der Liebe
Zum Spiegel meine Seele dir geschliffen,
Und gebe gern sie dir als solchen eigen.

Jedwedes andre Bild scheint in mir trübe,
Nur deines hat so innig mich ergriffen,
Daß ich es ewig strahlend werde zeigen.


10.
Die Pappeln

Vor dem Fenster meiner Lieben
Stehen Pappeln wunderschön,
Die mit ihren hohen Trieben
In die weite Ferne sehn.

Abends rauschen sie so milde
Mit verständlichem Getön,
Scheinen ihrem lieben Bilde
Traute Grüße zuzuwehn.

Oftmals stand ich voller Wonnen
Unter'm Blätterlabyrinth,
In Gedanken eingesponnen
Und in süßes Traumgewind'.

Die Gedanken, sie versanken,
Wie verweht vom Abendwind; —
Wohin alle die Gedanken
Damals wohl gekommen sind?

In die Pappeln aufgestiegen
Sind sie alle ganz gewiß,
In den Blättern sich zu wiegen,
Bis mein Lieb sich sehen ließ.


Darum rauschen Abends Töne
In den Pappeln mild und süß:
Deines Treuen, holde Schöne,
Leiser Liebesgruß ist dies.

11.
Schwärmerei

Meiner Liebe Freuden
Sind ein ewig Scheiden,
Und ein banges Meiden
Meiner Liebe Lust.
Gerne möcht' ich sagen:
Endet nun, ihr Klagen, —
Aber neue tragen
Muß ich in der Brust.


Kaum das Glück genossen,
Mund an Mund zerflossen,
Herz an Herz geschlossen,
Trennt uns das Geschick;
Und mein tiefes Sehnen
Perlt in heißen Tränen,
Klagt in leisen Tönen
Um verlornes Glück.

Muß denn im Entbehren
Und in stillen Zähren
Liebe sich verklären,
Und in tiefem Leid?
Wird man ewig reißen
Mich aus deinen Kreisen,
Wird es niemals heißen:
Dein in Ewigkeit?


Oder trübe Zeiten
Sollen vorbereiten
Künft'gen Seligkeiten
Mein gebeugtes Herz?
O, wie ich dann diese
Qualen alle priese,
Denn zum Paradiese
Würde so der Schmerz.

Ach, erscheine Stunde,
Heile meine Wunde,
Gib zum ew'gen Bunde
Sie, die mich beseelt:
Ob ich es ertrüge,
Ob ich unterliege
Bei des Herzens Siege,
Weiß der Herr der Welt!

Aber wenn der Einen
Ich mich darf vereinen,
Glück, dann preis ich deinen
Sel'gen Zauberstab;
Und wenn ich erbleiche,
Da ich sie erreiche,
Reg' ich noch als Leiche
Jubelnd mich im Grab.

12.
Gute Nacht

Gute Nacht, du süßes Kind,
Mögen Engel dich behüten,
Und der Schlummer leis und lind
Seinen Segen dir entbieten.

Gute Nacht, und träume süß
Von den Rosen, deinen Schwestern,
Die im Erdenparadies
Morgen blühen so wie gestern.

Gute Nacht, und denke mein
Mindestens in holden Träumen,
Mochtest so im Tagesschein
Meiner zu gedenken säumen.

Gute Nacht, und bleib mir gut,
Lächle gütig mir entgegen:
Deiner Blicke Zauber ruht
Auf mir wie ein milder Segen.


Gute Nacht, die Äuglein zu,
Schließ die holden Blicke gerne:
Schöner, selbst in Schlafesruh,
Sind sie doch als alle Sterne.

 
13.
Die Schiffende

Lustfahrend schwebtest du auf leichter Gondel,
Wie jubilierten da die Wellen alle,
Daß jetzt der Kahn zum Sonnenwagen worden.

Und ach, wie weinten Blümlein all' am Ufer,
Die fah'n die Sonne wohl am Meere strahlen,
Und wähnten schon, es geh' die Holde unter.

Ich aber glaubte Luna dort zu sehen
In ihrem Glanz und silbernen Talare,
Und schwärmte träumend von Endymions Segen.

14.
Das Grablied

Es sprach zu mir die Liebste mein:
"Du hast so viele Weisen
Ersonnen um mich zu erfreu'n,
Und liebend mich zu preisen;
O sag' es, du Geliebter, mir,
Wenn ich dir einmal sterbe,
Ob ich im Tode auch von dir
Ein treues Lied erwerbe?"

Da faßte mich ein tiefer Harm,
Kein Wörtchen konnt' ich finden;
Ich dachte, wie die Kunst so arm
Den Schmerz zu überwinden.
Es wurde mir das Auge naß,
Indem ich zu ihr blickte:
Sie aber hat verstanden das,
Weil sie die Hand mir drückte.

Und sollt euch's unverständlich sein,
O Seelen, laßt euch sagen:
Wie sollt' ein Dichterherz allein
So tiefen Schmerz ertragen?
Es ginge ja mein Schmerz mit ihr
Und mein Gesang zu Grabe,
Und Tränen blieben einzig mir
Die letzte Trauergabe.

15.
Wehmut

Ich küßte dich in sel'gen Augenblicken,
Da faßte Wehmut mich und stilles Weinen,
Daß diese Lippen ewig nicht die meinen,
Wehmut, die durch kein Gleichnis auszudrücken.

Denn wenn der Goldschmied sich von seinen Stücken
Verkaufend trennt, von seinen Edelsteinen,
Mag er sie immer nennen noch die seinen,
Weil er zu formen sie gewußt, zu schmücken.

Mich aber drückt, wenn ich mich von dir trenne,
Ein ewiges Entbehren und ein Darben;
Und nicht einmal ein Zeichen deinem Munde

Vermag ich aufzudrücken, daß man kenne,
Was meine Lippen einst von dir erwarben,
Und wie dein Herz mit meinem war im Bunde.

16.
Verbot

Du hast verboten mir, von deinen Küssen
Etwas der Welt im Liede mehr zu sagen,
Du hast mir als Geheimnis aufgetragen
Die Liebeslust, von der wir beide wissen.

Und Alles, Alles, was mit deinen süßen,
Geliebten Lippen du in schönen Tagen
Mir in das Herz als Segen eingetragen,
Tief in der Seele soll es bleiben müssen.

Doch wie, wenn nun der Lenz bescheint die Hügel,
Ein Körnlein, das ich still in's Erdreich senke,
Bald aufgesprossen ist zur vollen Blume:

So löset, Liebste, wenn ich dein gedenke,
Mein Glücksgeheimnis seine schönen Flügel,
Und wird ein lautes Lied zu deinem Ruhme.

17.
Das Rosenblatt

Du sandtest deinen süßen Namen mir auf einem
                                          Rosenblatt,
Ich schrieb darauf, und sandte Lieder dir auf deinem
                                          Rosenblatt.
Doch von geheimen Wonneträumen unsrer Liebe, nimmer
                                          schriebe
Ich ein verständlich Wort der Welt, und traut es keinem
                                          Rosenblatt!
Du hast die tiefen Hieroglyphen unsrer Herzen mit den
                                          Kerzen
Des blauen Auges still enträtselt wohl auf feinem
                                          Rosenblatt?
Es war das rote Blatt der Bote, den du kanntest und
                                          verstandest,
Du hast erforscht den Geber und sein Wort aus seinem
                                          Rosenblatt.
Du hast gedacht der Liebesmacht, der unsre Seelen sich
                                          vermählen,
Der Liebe, die im Sturm des Lebens schifft auf kleinem
                                          Rosenblatt;
Das sannst du wohl, begannst die Wehmutfeier unsrer
                                          Treue:
Und eine Perle war's auf deiner Wangen reinem
                                          Rosenblatt.

18.
Unvermutetes Lied

Mir zur Seite, wenn ich dichte,
Sitzt die Liebste treu und mild,
Und von ihrem Angesichte
Nehm' ich Gleichnis mir und Bild.

Mit dem Auge feuersendend
Bringt sie Sturm in meine Brust,
Mit der Lippe wonnespendend
Gibt sie wieder Friedenslust.

An der Wangen Rosenlichte
Zündet sich mein Sehnen an,
Das dem werdenden Gedichte
Sich verweben muß alsdann.

Ihre Locken sind mir Netze,
D'rin mein Wunsch gefangen liegt,
Ihre Bitten sind Gesetze,
Denen sich mein Sehnen fügt.

"Liebster," spricht sie, sanft sich schmiegend,
"Suche rein die Poesie:
Denn der Wirklichkeit erliegend,
Findest du die Göttin nie!"

Und beschämt und abgewiesen,
Blick ich sinnend vor mich hin:
In den reichen Paradiesen
Ihrer Schönheit lebt mein Sinn.

Schweigend blick' ich nach dem Blatte,
Das, erwartend ein Gedicht,
Sich vor mir entfaltet hatte,
Aber, ach, ich füll' es nicht.

Kann kein armes Wörtchen denken,
Das sich eignete zum Lied:
Nur in ihren Reiz versenken
Will sich glühend das Gemüt.

Und wie ich so mit Entzücken
Schaue ihrer Schönheit Zier,
Spielt die Hand von freien Stücken
Leichte Züge aufs Papier.

Züge, einem Nachklang ähnlich,
Den ihr Reiz in mir erregt,
Und den hoffnungreich und sehnlich
Meine Seele weiter trägt.

Spielend was die Hand vollbrachte,
Unbewußt, doch lustdurchglüht,
Als ich forschend es betrachte,
Ist es — dieses kleine Lied.

19.
Die Blumengießerin

Du hast den Blumen kühle Flut gespendet,
Auf zu dir hoben sie entzückt die Kronen,
Und Balsamtropfen ruhten rings im Kelche.

So sah ich dich, Geliebte, jüngst im Garten,
Sah dich umringt von deines Reizes Glorie,
Die neugestaltet rings dein Bild umwallte.

Still hob ich da empor zu dir die Blicke,
Auch mir im Auge ruhten schwere Tropfen:
Mußt du denn auch die Lilien begießen?

20.
Die Mythe

Eine Götterblüte,
Eine große Mythe
Ist die Liebesglut:
Himmlisch wird es klingen,
Wenn einst Engel singen,
Welche Seligkeitbereitung,
Welche göttliche Bedeutung
In der Liebe ruht.

Diese süßen Peinen
Werden Knospen scheinen,
Denen Lust entsproßt;
Leiden werden scheiden,
Umgetauscht in Freuden;
Dieses Hangen und Verlangen
Wird ein festes Ziel erlangen,
Holden Liebestrost.

Jegliche Gesinnung
Wird in treuer Innung
Sich der Lieben weihn:
Nur ein holdes Sehen,
Gänzliches Verstehen,
Wo wir in einander leben
Und die Geister sich verweben,
Wird die Liebe sein.

Denn die Liebeswonnen,
Die wir hier gewonnen
Sind ein süßes Nichts;
Wie die Millionen
Aller Stern' und Sonnen
Abglanz eines heil'gen Scheines
Und nur schwache Boten eines
Ewig klaren Lichts.

Lispeln nicht die Kehlen
Holder Philomelen
Rätselhaften Sang?
Kannst du es erfassen,
Was die Sternenmassen
Sagen? was die Blumen klagen?
Kannst du's irgendwo erfragen
All dein Lebelang?

Bis die Rätselpflanze
Dieser Welt im Glanze
Aufblüht himmelrein:
Dann wird Seligkeiten
Jedes Blatt bedeuten
An der wundervollen Rose,
Doch die Liebe wird der große
Stern der Blume sein.

21.
Nachklang

Wenn an der Erde Lenz vorüberschreitet,
Ihr Leid mit seinen Freuden wegzuscherzen,
Da tauchen allenthalben Blumenkerzen
Empor, als Feierglanz ihm zubereitet.

Und wenn dein Bild an mir vorübergleitet,
Und deine Augen, heilend alle Schmerzen,
Da wuchern Lieder auf in meinem Herzen,
Als Kranz um deinen Schönheitglanz verbreitet.

Die Blumen, die im Lenz herangeschossen,
Sie sind ein Segen seiner milden Sonne,
Und neigen dankbar zu ihr alle Triebe;

Die Lieder, die aus meiner Brust gesprossen,
Ein reiches Denkmal sind sie stiller Wonne,
Ein lauter Jubel einer sel'gen Liebe.