weiter
 

IV.
Sommerfrische in Natters 3

Lieder eines Mädchens

 

Die Verschiedenen
Mich haben die Leute gescholten
Die zwei Fremden
Wechselbeziehung
Die Sonne liegt im Sterben
Wandel
Wilde Veilchen
Er sagte jüngst
Ihr nennet mich mutwillig
Der tote Vater
Seine Zigarre
Politik
Rauhe Hände
Das Kreuz am Feldweg
Preßfreiheit
Unten und oben
Der braune Hirtenknab'
Locken
Guter Rat
Das Bad
Herbst
Der Tannenbaum
Ich hätte noch manches Lied
Abschied

Die Verschiedenen


Hellblau sind meine Augen,
Die deinen, Schwester braun:
Ich soll zum blauen Himmel,
Zur braunen Erd' du schaun!

Dein Lockenhaar ist dunkel,
Das meine aber blond:
Du sehnst dich nach der Sonne,
Ich aber nach dem Mond.

Du hast gefärbte Wangen,
Und bleich ist meine Wang':
Ich sterb' vor dir, nie dauern
Die weißen Rosen lang.

Und du bist rund und üppig,
Und ich bin schmal und schlank:
Wo die Idee zu mächtig,
Da ist der Körper krank.

Mich haben die Leute gescholten

Mich haben die Leute gescholten,
Daß ich einen Studenten lieb',
Als wär ein Student ein Gottleugner,
Ein Brandleger oder ein Dieb.

Und ist er auch wirklich gottlos,
Was geht es die Leute an?
Es hat Petrus den Herrn verleugnet,
Und ist doch ein heiliger Mann.

Und hat er gelegt auch ein Feuer,
Es hat doch kein Wächter gelärmt,
Mir aber haben die Flammen
Das Herz im Busen erwärmt.

Und hat er auch wirklich gestohlen
Viel' tausend Küss' bei der Nacht,
Er hat doch niemanden ärmer,
Mich aber reicher gemacht.

Die zwei Fremden

Es treten zwei Gestalten
Zur Kirchentür herein
In langen weißen Kleidern,
Ums Haupt 'nen goldnen Schein.

Sie gehen zum Altare,
Sie gehen Hand in Hand,
Und niemand hat's gesehen,
Und niemand hat's erkannt.

Und als vom jungen Paare
Der Priester nimmt den Eid,
Da nennen sie sich Schwestern,
Da weinen sie vor Freud'!

Wechselbeziehung

Wo Blumen sind, gibt's Bienen,
Dem Herbst folgt der Bacchant,
Wo Tau fällt, gibt's Rubinen
Und funkelt der Demant.

Wo Taten sind, gibt's Barden,
Wo Mädchen sind, gibt's Tanz,
Wo Eichen, gibt's Kokarden,
Dem Siege folgt der Kranz.

Wo Rosen sind, gibt's Wonnen,
Wo Buchen, gibt's ein Nest,
Wo Erden sind, gibt's Sonnen,
Wo Götter, gibt's ein Fest.

Und wo auf zwei Gesichter
Der Strahl der Liebe brennt,
Da gibt es einen Dichter,
Der Heilige sie nennt.

Die Sonne liegt im Sterben

Die Sonne liegt im Sterben,
Da kommen allzumal
In langen weißen Kleidern
Die Wolken in den Saal.

Als alle sich versammelt
An ihres Bettes Rand,
Vermacht sie jeder Wolke
Ein feuerrotes Band.

Und mit den roten Bändern,
Wie prahlen sie so sehr!
Und wenn die Sterne kommen,
So hat es keine mehr.

Wandel

Ich will dich nicht beschuldigen
In meines Herzens Bedrängnis,
Bin eine von den Geduldigen,
Die fügen sich dem Verhängnis.

Es gab' mein Aug', das glühende,
Von meiner Liebe dir Kunde;
Du hast die Wange, die blühende,
Geküßt mir zu jeglicher Stunde.

Ich bin eine Auserkorene
Und durfte nichts lieben auf Erden,
Das Wort, das meineidig geschworene,
Es mußte gezüchtigt werden.

Wilde Veilchen

Aber Schwester, wilde Veilchen
In die seidnen Haare winden?
Heißt das nicht ein kleines Teilchen
Eitelkeit damit verbinden?

Eitelkeit ist diese Milde
Für des Frühlings schöne Kinder,
Denn das Rohe und das Wilde
Fühlet die Beschämung minder.

Er sagte jüngst

Er sagte jüngst, ich wäre nur
Ein ganz unwissend Kind,
Das nie gefragt, was die Natur
Und Gott in Wahrheit sind.

Er sprach so schön, so bildervoll
Und gab mir auch ein Buch,
In dem ich fleißig lesen soll,
Sei's auch nur zum Versuch.

Ich las uns las; mir ward davon
Ganz wunderlich zuletzt:
Der liebe Herrgott wurde schon
Im Eingang abgesetzt:

"Es ist kein Gott, der denkt, der wie
Ein Künstler wirkt und schafft,
Was Gott ich nenne, ist nur die
Im Stoff latente Kraft."

Als ich im Walde diese Stell'
Mit lauter Stimme las,
Sprang von den Buchenwipfeln schnell
Der Sonnenschein ins Gras.

Er lacht, als er aufs nasse Moos
Mit Silberzehen tritt —
Und alle Blätter brechen los
Und lachen herzlich mit.

Ich schlug beschämt ob diesem Spott
Das Buch unwillig zu —
Und seitdem hat der liebe Gott
Von meiner Seite Ruh'.

Ihr nennet mich mutwillig

Ihr nennet mich mutwillig,
Und dennoch bin ich's nicht,
Der Tadel ist unbillig,
Schaut mir nur ins Gesicht.

Wie andre wein' ich und klag' ich,
Und dennoch nennt ihr mich wild,
In meinem Herzen da trag' ich
Von einem Toten das Bild.

Ein Antlitz so schön und so bartig,
Gleich Jesus von Nazareth,
Doch still, es ist unartig,
Daß ein Mädchen davon red't.

Der tote Vater

O, wenn mein Vater tot nicht wär',
Wie wollt' ich ihn liebkosen,
Ich sucht' für ihn Johannisbeer'
Und schenkt' ihm meine Rosen.

Nie wollt' ich einem andern Mann
Ins Auge freundlich schauen,
Und meine Träne dürft' alsdann
Nur seine Hand betauen.

Ich führt' ihn früh und abends spät
Zum Gottesdienst ins Freie:
Des Vaters Worte das Gebet,
Ein Kuß von ihm die Weihe.

O, daß ich keinen Vater hab',
Mit Schmerzen fühl' ich's wieder;
Bei ihm, bei ihm im dunkeln Grab,
Da schlummern meine Lieder.

Seine Zigarre

Täglich steh' ich an dem Fenster,
Wenn es draußen dunkel wird,
Bis ein Lichtlein wunderlieblich
In der Bäume Schatten irrt.

Horch', die Abendglocken klingen,
Und es glüht in weiter Fern'
Fromm wie ein Johanniswürmchen,
Heilig wie der Abendstern.

Diamanten dieser Erde,
Sonnen in des Himmels Rund',
Nähm' ich nicht um die Zigarre,
Die verglimmt in seinem Mund.

Denn sie leuchtet, daß ich Wange,
Aug' und Locke von ihm seh'
Und berauscht vom süßem Bildnis
Meiner Liebe schlafen geh'.

Politik

Der Vater sprach von Politik,
Von Bürgertum und Adel,
Die Mutter wandte keinen Blick
Von ihrer flinken Nadel.

Sie sahen nicht den Mondesstrahl
Im Garten kosend wandeln
Und Schmetterlinge ohne Zahl
Die Liebesnacht verhandeln.

Sie sahen nicht den Perlenschmuck
Der Braut gewordne Rose,
Und nicht den heißen Händedruck,
Versteckt in meinem Schoße.

Es war, als hätt' ein Flügelpaar
Uns schirmend überzogen:
Ob es ein guter Engel war
Und er mich nicht betrogen?

Rauhe Hände

Eines macht mich unzufrieden
Und den Dienst mir doppelt herbe,
Daß ich mit der rauhen Arbeit
Meine Hände mir verderbe.

Andre Mädchen haben Hände
Blendend wie die weißen Rosen,
Und so weich und zart zum Fühlen
Wie der Samt der Aprikosen.

Und wenn einmal sie sich röten,
Ist es nicht vom rauhen Dienste,
Sondern von dem Kuß des Mannes
Der von allen war der Kühnste.

Und wer will nun mir verargen
Und mit mir darüber streiten,
Wenn ich statt der Hand die Lippen
Küssen lass', die unentweihten?

Das Kreuz am Feldweg

Es steht ein Kreuz am Feldweg,
Daneben ein schattiger Baum,
Da hatt' ich jüngst im Schlafe
Den wunderbaren Traum:

Es dunkelte im Tale,
Da nahm der Herr den Dorn
Vom Haupte, stieg vom Kreuze
Und legte sich ins Korn.

Doch mit dem ersten Strahle,
Der fiel vom Kirchturmknauf,
Nahm Nägel er und Krone
Und hing sich wieder auf.

Preßfreiheit

Wenn ich nicht ein Mädchen wäre,
Hätt' man längst mich eingesperrt;
Wenn die Lerch' kein Vogel wäre,
Hätt' man längst ihr's Lied verwehrt.

Doch von eines Vogels Triller
Und von eines Mädchens Witz
Nehmen die Ultramontanen
Glücklich keinerlei Notiz.

Unten und oben

Unten bei dem armen Volke
Ist der Frühling längst erschienen;
Von dem Segentau der Wolke
Fängt es lieblich an zu grünen.

Aber auf des Berges Firne
Hausen noch die kalten Winde,
Seine Augen, seine Stirne
Schließt noch fest die weiße Binde.

Der braune Hirtenknab'

Es sitzt im weichen Waldesmoos
Ein junger brauner Hirte,
Der hat ein Mädchen auf dem Schoß,
Weiß wie die Blüt' der Myrte.

Sie trinkt mit ihm aus einem Krug
Mit Milch von seinen Ziegen
Und küßt ihn drum nach jedem Zug
Mit Augen voll Vergnügen.

Ich gäbe alles, was ich hab',
Armbänder, Ring und Schleier,
Wär' ich der braune Hirtenknab'
Und hätt' im Aug' sein Feuer.

Locken

An die Stirne, glatt uns schmiegsam,
Will ich nicht die Haare legen,
Kindisch macht es mich und fügsam,
Und die Liebe ist verwegen

Besser ist's, die offnen Wangen
Dicht mit Locken zu verhängen,
Wenn das Hoffen und Verlangen
Ihre vollen Knospen sprengen —

Daß sie an des Auges Borne
Stehen, schützend meine Träne,
Und mir sind im heil'gen Zorne,
Was dem Löwen ist die Mähne.

Guter Rat

Zu dem Brünnlein voller Gnaden,
Einen weißen Habit an,
Mit Brevier und Kreuz beladen,
Kommt ein dicker Ordensmann.

Und es flötet in den Halmen,
Und der Ziege Glöcklein klingt,
Und das Brünnlein murmelt Psalmen,
Und der Hirtenknabe singt:

"Wollt Ihr aus dem Brünnlein trinken,
Laßt das dicke Buch zu Haus,
Denn sonst lachen Euch die Finken,
Ehrwürdiger Vater, aus!"

Das Bad

Es glüht und blüht im Osten,
Die Blumen funkeln hell;
Ich geh' mit dem ledernen Becher
Zur birkenbeschatteten Quell'.

Die murmelt und rieselt und schmeichelt
Und hüpft in der Erwartung der Lust;
Ich streife das Kleid von der Schulter
Und wasche mir Nacken und Brust.

Und wessen die größere Freude,
Das ist zu erraten nicht leicht;
Doch weiß ich, daß neidisches Sehnen
Die Stämme der Birken gebleicht.

Herbst

Rot fällt zu Boden Blatt um Blatt,
Als bluteten die Bäume —
Mein Herz ist welk, mein Lied ist matt,
Und krank sind meine Träume.

Die Rose brach des Sturmes Wut,
Ich konnt' es nicht verhindern;
Warum soll meiner Liebe Glut
Allein nur überwintern?

Ich geb' sie meinem Gott und Herrn
Und will mich nicht mehr härmen,
Er kann damit den ersten Stern,
Der ihm erfriert, erwärmen.

Der Tannenbaum

Wär' ich dir treu geblieben,
Du grüner Tannenbaum,
Mit deinen vielen Lichtern
Und deinem Weihnachtstraum!

Du hast gar scharfe Nadeln
Und hast auch zu stechen gewußt,
Doch gibt es viel schärfere Worte,
Die tief verwunden die Brust.

Doch kommen wir wieder zusammen —
Ein kleiner, gehobelter Schrein
Und eine lächelnde Leiche —
Dann will ich dir treuer sein.

Ich hätte noch manches Lied in der Brust

Ich hätte noch manches Lied in der Brust
Von der Liebe Weh und des Hasses Lust —
Allein, ich kann euch nicht trauen:
                  Im Mondenschein,
                  Da sing' ich allein.

Die Sterne, die schauen mir ins Gesicht,
Die sind meine Freunde und plaudern nicht
Und halten die Losung verborgen:
                  Im Mondenschein,
                  Da sing' ich allein.

Ich habe jüngst einer Rose gesagt,
Was vor mir kein Mädchen zu denken gewagt,
Die Rose ist nachts gestorben:
                  Im Mondenschein,
                  Da sing' ich allein.

Abschied

Es ist der Wagen schon bestellt,
Bald näh' und strick' ich wieder,
Und wie im Herbst vom Baume fällt
Das müde Blatt, geb' ich der Welt
Die sommermüden Lieder.

Was ich mit meiner Lieb' getan,
Wollt mich damit nicht quälen.
Es ist im Dorf ein bleicher Mann,
Den jeder flieht, so lang er kann,
Der weiß es zu erzählen.