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Unser tägliches Gift 2
 

Erwachen bei der Geliebten
Wunsch
Freude

Weinlied
Aristogeiton
Zweifel
Klage um den Wein
Elend
Ernüchterung
Ästhetik des Kriegs
Herbst
Stimmen
Reue des Dichters
Lied der Helden
Der Untaugliche
Der Trinker auf dem Schlachtfeld
Ruf
Bekenntnis
Mahnung
Abschied

 


Erwachen bei der Geliebten

Die Holde schläft: zu früh bin ich erwacht:
Ein Wort ist süß und gelte diese Nacht.
Ich werd' es heute nicht, nicht morgen tun
Doch irgendwann und selig kann ich ruhn.
Ich töte dich.

Wunsch

Ein einfaches, leichtes Kleid!
Ein leichter Gang!
Ein Mädchen, das hie und da
Meine Lenden geschmeidiger macht,
Ihm dankbar sein dürfen und eins!
Verschont die Seele.

Freude

Durch den blauen See zu schwimmen! Du feuchtes Vergessen,
Durch den klaren Tag zu wandeln! O holdes Erwachen!
Durch eisigen Sturm zu schreiten! Du ewiges Bangen!
O munteres Leben!

Weinlied

Starker, goldener Wein! Du bist
Wie das Glück im Spiel.

Ewig gleich aus deinem Innern, ob
Wir wild werden, toll werden, bös werden,
Strahlt die Verlockung.

Du und ein fragendes Kind! Ihr weckt
Das arge Wissen in uns, doch ihr
Gebt auch das Vergessen.

Du bist die Lust zu gestehen, bist
Die Lust zu verhehlen, dein
Ist Klarheit und Heimlichkeit.

Ewig gleich aus deinem Innern, ob
Wir traurig sind, ob wir froh sind,
Strahlt die Verlockung.

Und du bist wie die großen Geister.
Du machst uns stolz, bis wir
Hintaumeln, machst uns stark, bis du
Uns umwirfst. Freund, Verführer und Herr!
Denn dein heiliges Sein
Ist nicht erkannt, nicht gewürdigt.

Aristogeiton

Drei Frühlingstage war ich bang um dich.
Ich wußte nichts. Doch ahnte ich – Böses.
Schöner Knabe, folgsam der Sünde!
Später vergaß ich.

Drei Wochen später! Da erzähltest du mir.
Ich dachte: daß diese Dinge
Ewig die gleichen sind!
Das ist das Schöne.

Daß er dir Gift geschickt hat!
Weil – du ihn batest darum
In der Stunde der Scham,
Ist schön. Ich mußte doch lachen.

Das Gewissen tilgt den Dünkel nicht,
Und die Götter müssen uns verdammen.
Alles Tun und unsre Einsicht ist
Furchtbare Frechheit.

Einst war mir der Gedanke traurig,
Daß diese Dinge ewig die gleichen:
Jugend, Sünde, Scham, Verwirrung, Erwachen.
Dann fand ich das Ewige schön.

Jugend, Sünde, und: daß du mir all das
Erzählen mußtest: folgsam den Göttern,
Schöner Knabe, dem Tode entronnen!
Wie ich dich liebe!

Zweifel

Ach, wir wissen von keinem Gedanken, wann er
Neu war, von keiner Schönheit, wann sie
Schwand und erschien, von keiner Tat, wir erkennen
Unsre Schuld nicht.

Darum laßt uns verehren, es wäre ja schmählich,
Wollten wir deshalb verehren, weil wir wüßten:
Denn von jeher liebte ein Mensch, ins Hirn dem
Andern zu spucken.

Klage um den Wein

Der Wein, wo kam er hin? Er gab uns Glut,
Dem Geist Besinnung und dem Toren Mut.
Der gute Wein, wo ist er hingekommen?
Ich glaube: die Klugen haben ihn fort genommen.

Die Männer starben. Weiber halten haus.
Der Trost der Klugen hielte den Wein nicht aus.
Der Wein, der würde verraten: es weint das Land,
Es trauert der Geist, nur Bureaumädchen blieb noch Verstand.

Elend

Komm, schneller Tod. Der Morgen blaut so heiter.
Ich wandle durch die Gassen, Tod, so matt.
Mich stiert ein Kind an. Flammen über die Stadt!
Ein welkes Kind nicht weit von seinem Vater.
Der bange Mann hofft immer weiter.
Tod, leichter Reiter! Flammen über die Stadt!
Komm, schneller Tod!

Ernüchterung

Gestorben ist das Abenteuer
Und auch mein Hürchen hat es satt.
Der Morgen graut: Erloschen ist das Feuer,
Das Hündchen Liebe liegt zu Tode matt.

Es mag das Tier nichts Rechtes wittern
Wie wir: seitdem die Lust entflog.
Noch lacht in uns der Spott: ein armes Zittern!
Des Morgens Drohn lügt, wie die Nacht uns log.

Ästhetik des Kriegs

Nur der erschaut die schönen Berge wirklich,
Der keine Zeit hat, sie zu bewundern.
Die Soldaten im Süden, nicht die Touristen sehn
Die Dolomiten am besten.

Denn die Natur, ob sie schön oder grausam sei:
Für unsre leere Zeit ist sie nicht gemacht.
Und wirklich sieht den Krieg nur einer, der irgendwie
Keine Zeit für ihn hat.

Der Soldat vielleicht, wenn er daheim
Bei seinem Weibe ruht.

Herbst

Der Abendhimmel, grau und taub
Sei Tafel meinem Stift.
Der starren Bäume fahles Laub
Sei meines Liedes Gift.

Das Spiel von Liebe und von Tod
Kann warten keine Stund'.
Noch leuchtet ihm des Waldes Rot,
Noch sind die Karten bunt.

Stimmen

                       
  Er:
Laß mich allein, ich falle zur Beute
Dem, was die tiefste Schmach du nennst.
Das "Morgen" gilt mir nicht, nicht mehr das "Heute",
Nur eine Stunde noch, die du nicht kennst.

Staub bin ich dann und fremder Stürme Raub und Erde:
Auf mir lastet die Nacht.
Bald schlummert ein Schmerz: Was in mir wacht,
Ist Kummer, Angst, Beschwerde.

                          Sie:
Du reißt dich los. Ich höre noch: Du sinkst.
Weiß nicht, in welchem Meer du ertrinkst.
Bin ich jetzt die Verlassene, Befreite?
War stets doch die zu jedem Schmerz Bereite.

Reue des Dichters

Meine Gedichte –
Alle miteinander
Verbrennen!
Nur eines schrieb ich
Einstens! das feiert den Mut
Des Helden und heißt: Keine Furcht!
Keine Furcht vor dem Wein!

Lied der Helden

Ob wir liegen und harren oder den Tod
Zu belauern, – hinaus schreiten:
Wir fühlen das Schöne, daß wir nicht wissen, woher
Uns der Mut kommt.

Wir müssen siegen.
Dann haben wir im Frieden mehr zu essen!
Ach, jeden überkommt einmal die Stunde
Der Furcht.

Wo der Tod uns treffe! Einsam oder bei den andern:
Nicht zu wissen, ist gut.
Das göttlich Schöne ist, daß wir nicht wissen, woher
Uns der Mut kommt.

Der Untaugliche

Es liegt doch ein köstlicher Spott darin,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen?
Es ist doch ein eigentümlicher Hohn Gottes,
Daß ich lebe, wenn Tausende sterben.

Es ist doch ein köstliches Ausruhn,
Sage ich es der Einsamkeit oder einem holden Mädchen.
Ich danke es der ewigen Hoheit
Der Nacht, daß ich froh bin zu atmen.

Der Trinker auf dem Schlachtfeld

Du! schläfst im fließenden Wein!
Du! rufst im Traum.
Hier, Tod, hat dein Spiel
Lichten freien Raum.

Resignation.
Du große Stille! Der Ruf nach Heldentum ist
Verzweiflung des Herzens. Und doch gibt es Männer.
Ihr leuchtenden Sterne! Der Ruf nach Schönheit ist nur
Verzweiflung der irren Sinne. Du große Stille!

Ruf

Du hoher Ton der Geige! Diese Zeit
Ist nicht die meine und die Tage fliehn.

Du Jubelton der Geige! Ach, es starb
Die Jugend und mich freut kein Siegen mehr.

Du Siegeston der Geige! Ewig frißt
Der Gram! Ihr Armen! Laßt die Bäume blühn.

Bekenntnis

Um des Geistes Morgenschlummer
Aufzuwecken, schreibe ich das Gedicht.
Da aus all dem toten Kummer
Eine Stimme meinem Glühen Antwort spricht.

Stimme eines schlanken, frohen
Mädchens, das kein andres Opfer kennt
Als ein Lachen, kühlend: die da lohen
Nachtgeborne Flammen, sonst kein Opfer kennt.

Nimm den ewig grünen dunkeln
Lorbeer auf dein Haupt, wie Feuer brennt,
Berge ragen und die Sterne funkeln:
So bekenne: ob man stolz dich nennt.

Dem erstummt die Welt und Einsamkeiten
Dich im Fragen sternengleich umziehen
Wie im Traume, wenn du meinst zu schreiten
Über hohe Dächer, Türme hin.

Mahnung

Stille! Freund! Es lernt sich alles.
Wer die Scham verlernt hat, ist
Jeglichen Verbrechens fähig.

Längst begehrt mein Herz: zu sehen
Wie im Kampf der Feige kühn wird
Und wie aus dem kältesten Grauen
Jäh die Grausamkeit erwacht.

Preist nicht den Gewinn der Arbeit!
Ja: der Durst begehrt nach Säure!
Wohl! Bedenk: Das Herz verlangt nicht
Obst: es will gestohlene Früchte.

Meide Worte, die uns rühren:
Sie verführen, und im Herzen,
Das Verführung schon gekostet
Und verspürt hat, wacht die Tücke.

Schweigt von Gott! Schweigt von der Plage!
Glaubens Reden stört die Andacht,
Stört die stille Scham des Mannes.
Schweigt von Tugend und von Sünde.

Darum still! Und müßt ihr reden,
Sprecht in leichten lockern Worten,
Die den Tänzer nicht beschweren,
Nicht des Weines Licht verdunkeln.

Abschied

Es ertrinken die Sterne
In tiefem Blau.
Des Morgens Kahn ziehn ferne
Schimmernde Segel,
Zeigen uns, wie unergründlich tief
Die schwindende Nacht ist.

Freund! Gefahr und Weib
Gilt. Was? Kopf hoch und munter.
Torheit ist unser Wundern,
Torheit ist das Verachten.
Freund!