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Gedichte verschiedenster Art  2
 

Empfindungen in einem Wachsfigurenkabinett
Der Schlummer in der Jahreszeit
Heiterer Sinn
Die Memnonsäule
Abendbild
Der Greis und das Mädchen
An die Wehmut
Rettung im Sturme
An das Sterbeglöckchen
Nah und ferne
Plinius Sekundus

 
Die Karten
Majas Busenstrauß
Der Hesperiedenhain
Die Leichenfackeln
Die Lebensjagd

 

Empfindungen in einem Wachsfigurenkabinett

Ist hier des Todes Wohnung? ist's des Lebens Reich?
Es lacht der Farbe Reiz auf Formen zart und weich,
Es sinnen Blicke rings und seelenvolle Mienen —
Doch nimmer tönt ein Laut; Bewegung fehlet ihnen.
Ein jedes Antlitz spricht, doch ewig schweigt der Mund,
Und was das Aug' verrät, tut mir kein Wörtchen kund.
Entfloh der Geist, und lebet durch ein Wunder nur
Der Leib allein noch, ohne reger Triebe Spur?

Mit vorgestrecktem Arm, den Blick hinausgesenkt,
Steht hier des Feldherrn Ernst, und ordnet, mißt und denkt.
Weh euch, ihr Städte! weh dir, segenreiche Flur!
Bald seid ihr Trümmer, bald entsetzt sich die Natur. —
Du, schönes Mädchen dort, was frommt der Schönheit Spiel,
Wenn herzlos du nicht kennst der Liebe Hochgefühl?
Die himmlische Gestalt, des Lächelns milde Huld,
Was sollen sie, wo keine Tugend, keine Schuld?

Bewegungslos gesellt sich dort zu tiefer Trauer
Stumm einer Gruppe Kreis in kläglichem Verein.
O redet, Arme! euch, ich seh's, faßt kalter Schauer.
O redet! hat der Schmerz verwandelt euch in Stein?
Was schauet ihr mich an mit Augen, die nicht sehen?
Was klaget ihr so bang die schrecklichstummen Wehen?
Umglänzt mich Sonnenlicht? umwallt mich Erdenluft?
Fast zweifl' ich an mir selbst in dieser Lebensgruft.

Rings Menschenbildung — und kein menschliches Gefühl!
O reget euch, lebend'ge Tote! weicht vom Scheine!
Ach endet schnell dies gräßlich starre Lebensspiel!
Denn kalter Schauder strömt mir schon durch die Gebeine.
Gefühllos selbst und stumm und starr, — erwecket ihr
Die ganze Macht fruchtloser Sympathie in mir.
O reichet sprechend mir die lebenswarme Hand!
Zeigt mir ein Herz — so bleib' ich selbst im Schattenland!

Der Schlummer in der Jahreszeit

Wem schon von der Natur ein leichterer, edlerer Körper
Ward, durch dessen Hülle der Geist, wie Helios durch die
Morgenwolken schimmert —
Selig zu preisen ist der!

Ihm ward langes hochgenießendes Wachen und kurzer
Schlummer, selten nur Schlaf, denn das Feuer ist stete Bewegung,
Und durch reges Streben
Flieht von der Flamme der Rauch.

Herrlich ist Übung der Kraft, doch schön ist auch die Erholung,
Schön wenn in duftender Nacht des Sommers vom leuchtenden Fenster
Lufthauch ihn umsäuselt,
Mild wie der Liebenden Kuß.

Wie von Mondlicht umhüllt, umweh'n ihn dann himmlische Träume,
Gleich dem Tanze der Elfen im Hain, und er fühlt, was zu denken
Ihm der Tag versagte,
Lächelnd im magischen Spiel.

Minder schön ist nicht die ernstere Winternacht, wenn bei
Engverschlossenem Fenster, nun ruheliebender, er sich
In die hohen Hüllen
Eilig und freudig verbirgt.

Freundlich hegt ihn die Wärme, erzählend und horchend dem Neuen;
Was er, von Kälte umstarrt und von leise sinkender Schneelast,
Kaum zu denken wagte,
Wird nun Empfindung und Bild.

Sei, o göttlicher Schlummer mir hold, du Gefährte der Reinheit!
Drückende Schlaflast kennt nur die Schar trägbrütender Gnomen.
Liebend sprachen mit den
Menschen die Götter durch dich.

Blutvoll flüchtet um ihn das Heer vom drängenden Schlachtpfad' —
Marius schlummert im Schatten des Baums!
Schon stöhnet die See vom
Flottensturm — Augustus
Schlummert, erwachet und siegt!

Heiterer Sinn

O heitrer Sinn, du Himmelslicht,
Nur du, nur du verlaß mich nicht!
Du treuer Freund der Seelenruh',
Erwach' mit mir, und schließ mir zu
Die Augen, wie im Kummer,
So auch zum letzten Schlummer!
Flieh aller Prunk dahin,
Bleibt mir nur heitrer Sinn!

O heitrer Sinn, du Himmelslicht,
Nur du, nur du verlaß mich nicht!
Mißlingt im Leben mancherlei,
Du hältst die Seele dennoch frei,
Und treibst im reinen Herzen
Maiblüte selbst aus Schmerzen.
Flieh alles Glück dahin,
Bleibt mir nur heitrer Sinn!

O heitrer Sinn, du Himmelslicht,
Nur du, nur du verlaß mich nicht!
Mag Frost und Nacht die Welt umzieh'n, —
In dir muß Lebenswärme glüh'n!
Kein Haß kann dir verwehren
Der Liebe Macht zu ehren.
Flieh Glück und Prunk dahin,
Bleibt mir nur heitrer Sinn!

O heitrer Sinn, du Himmelslicht,
Nur du, nur du verlaß mich nicht!
Wo Gram und Groll nur Böses seh'n,
Laß du auch Gutes mich erspäh'n,
Wo Menschen sich vergessen,
Der Menschen Wert ermessen!
Bleibt mir nur heitrer Sinn,
Kann Hoffnung nie entflieh'n.

O heitrer Sinn, du Himmelslicht,
Nur du, nur du verlaß mich nicht!
Und wird dir's manchmal gar zu arg, —
Wähl' dir Gesang zu deinem Sarg,
Mit neuem Phönix-Leben
Verjüngt dich zu erheben!
Bleibst du mir, heitrer Sinn,
Muß ew'ger Frühling blüh'n!

Die Memnonsäule
Ein Gleichnis

Der Memnonssäule gleicht fürwahr
Ein unverdorbenes Gemüt,
Das, himmelrein und still und klar,
Vom Strahl des Guten und des Schönen
Zu hoher Seligkeit entglüht,
Und selbst des Lebens herben Schmerz,
Der sonst zermalmt des Erdensohnes Herz,
Aushaucht in sanften Trauertönen.
Der Memnonssäule gleicht vor Allen
Des Dichters mystische Natur.
Auf buntverwebter Lebensflur
Sieht er wohl Vieles um sich wallen:
Doch läßt ihn das Gemeine kalt;
Es flieht vorüber ohne Spur,
Wie Wolken zieh'n durch Windeshallen.

Das Heilige, das Große nur
Hat zum Geweihten ihn erkoren;
Wenn dieser Strahl sein Herz berührt,
Dann wacht er auf, und neugeboren,
Vom Himmelslicht verklärt,
Fühlt er ein Götterleben
Dem Innersten gegeben;
Und was von oben ihm gewährt,
Das kündet er, beglüht entglühend,
Schmerzerbleichend, freudeblühend,
Doch stets die Echo nur des Schönen,
In Himmelsklang und Wundertönen.

Abendbild

Des Lebens reiches Farbenspiel, das rege Feuer,
Das warme Strahlenreich der Sonne, —
Sie sind verloschen und verglommen.
Sei, grauer Abend mir, in deinem heil'gen Schleier
Herzlich mit Wehmut und mit Wonne,
O du, des Alters Bild, willkommen!

Allmählig schwinden rings umher die Lichtgestalten;
Unkennbar wird, uns lieb und teuer,
Des Schöpfung Antlitz, wie im Grabe.
Der Tränentau und schaurigkühle Lüfte walten,
Und immer stiller wird die Feier,
Und schwächer strömt die Lebensgabe.

So zeigt des Alters Bild uns mahnend jeder Abend;
So bleicht der Jugend Glut; das Leben
Wird immer einsamer und kühler.
Die Ruhe nur erscheint als Freude noch uns labend;
Die Ahnung will uns aufwärts heben,
Und Welt und Busen werden stiller.

Ach! weichen muß die Dämm'rung auch der Nacht Eindringen,
Die Erde gleicht dem tiefen Grabe.
Fern sind die Sterne, nah' die Sorgen.
Doch klage nicht, o Greis! Nacht kann dich nicht bezwingen.
Greif' mutig nach dem Wanderstabe!
Am Himmel glüht ja schon dein Morgen.

Der Greis und das Mädchen
Frei nach dem Französischen

                      Greis

Was neigst du Mädchen, sinnigstill
Die Äuglein nach dem Blumenspiel?

                     Mädchen

Ich suche nach Schmuck für Busen und Locken,
Nach Veilchen, Rosen und Maienglocken;
Dann eil' ich, von Jugend und Frohsinn umspielt,
Den Sieg zu entreißen von Hoffnung erfüllt.
Den duftig im Abendrot schimmernden Hain
Durchtanzen die Schäfer in lustigen Reih'n,
Es schwebet Glycere mit ihnen dahin;
Man nennt sie der Jungfrauen Königin.
Nun soll mir nicht länger die Siegerin funkeln;
Ich will sie besiegen, ich will sie verdunkeln.

                        Greis

Kennst du das dunkle Plätzchen dort?

                   Mädchen

Neu ist mir dieser düstre Ort.

                     Greis

Nun änd're deinen stolzen Sinn!
Dort ruht der Jungfrau Königin.
Die Blumen, die zum Sieg zu schmücken,
Magst du auf ihrem Grabe pflücken!

An die Wehmut

Wie der Mond in Blumen, gleitest du
In unsre Seele, weckest die entschlafne Ruh'
Wie leises Abendlied,
O Wehmut!
Milder geht die Freud' an deiner Hand,
Nicht brausend mehr und kühn an des Verderbens Rand,
Wenn sie dein Flor umzieht,
O Wehmut!

Wenn die Liebe treulos uns verläßt,
Dann lächelst weinend du mit uns, ein Götterfest
Gibt dann der Aschenkrug,
O Wehmut!
Ist Vergessen goldner Treue Loh,
Tritt auf geliebter Herzen Staub der freche Hohn,
Hemmst du des Trostes Flug,
O Wehmut!

Hat uns jede Blume schon verblüht,
Bleibt die Zypresse noch; die Leichenfackel glüht
Durch dich uns Himmelsglanz,
O Wehmut!
Uns Geweihten lächelt Schmerz und Grab!
Trennt liebend uns der Tod, reichst du auch dort hinab
Noch weinend uns den Kranz,
O Wehmut!

Rettung im Sturme

Leise segelte mein Nachen
Bei des Morgensterns Erwachen
Auf dem Lebensstrom dahin.
Die Jugend saß am Vorderteil,
Die Lust regierte Mast und Seil,
Das Ruder führte leichter Sinn.

Sanft hauchten die Lüftchen des Glücks und der Liebe;
Schnell brauseten Stürme, der Himmel ward trübe.
Es stürzte die Jugend vom Schiffe herab;
Ein Donner zerschellte die Luft bei dem Mast:
Der leichte Sinn auf dürrem Ast
Entging allein dem Wellengrab.

Und er ist nun mein Gespiele,
Weichet nie, und die Gefühle
Sonnen sich an seinem Licht;
Er hält mich aufrecht in Gefahren,
Und wird die Ruhe mir bewahren,
Wenn auch die letzte Stütze bricht!

An das Sterbeglöckchen

Klage, sanfte Schwärmerin!
Ächze durch die Stille hin!
Bist vielleicht die Einzige,
Die der Trennung letztes Weh,
Die den Röchelnden beweint!

Wenn die Freunde um ihn steh'n,
Nur die off'ne Erde seh'n,
Starr und sinnenlos vergeh'n:
Da klingst du wie ein Ruf der Ruh'
Vom Himmel ihnen tröstend zu.
Die Träne kehrt in's Aug' zurück,
Von Hoffnungsflammen strahlt ihr Blick;
Sie beten, sinken auf das Knie
Am Totenbette hin;
Den Glücklichen nur sehen sie
Vom Erdenelend flieh'n.

Klage, sanfte Schwärmerin!
Ächze durch die Stille hin!
Bist nicht mehr die Einzige,
Die der Trennung letztes Weh,
Die den Röchelnden beweint!

Du tönst! geheimer Schauer dringt
Durch tiefe Mitternacht,
Und durch der Gräber Tiefen klingt
Des Ächzens leiser Ton;
Und aus dem langen Schlaf erwacht
Der Toten Schar; sie flieh'n
Zum neuen Freunde hin;
Wie Lautenklang
Tönt Trostgesang.

Klage, sanfte Schwärmerin!
Mit deiner Klage tönst du hin
Die düstre Zeit
Zur Ewigkeit!
In deinem Klange stirbt der Schmerz,
Die Unschuld wallet himmelwärts!

Nah und ferne
An Selma

Wie schmerzlich ist mir deine Nähe,
Da ich dann fühl' und deutlich sehe,
Daß du mir ewig fern mußt sein!
Wie schmerzlich ist mir deine Ferne,
Da ich dann fühl' und schmerzlich lerne,
Daß du mir ewig nah wirst sein!
Ach ewig nah und ewig ferne,
Ach ewig fern und ewig nah!
So schwinden mir, die kaum ich sah,
Des Himmels und des Glückes Sterne!

Wenn einst im schönsten Herzensbunde
Der Glücklichste an deinem Munde,
Wie ich an meinem Schmerze, hängt,
Wenn deiner Liebe Zauberrosen
Mit seinem Glücke freundlich kosen,
Und Gram mein Leben bang umfängt:
Dann leb' ich dir nur lebensferne —
Doch du gedenke nimmer mein!
Denn strahlend müssen dich erfreu'n,
Des Himmels und des Glückes Sterne!

Plinius Sekundus

Schon wankte die Erde, schon bebte der Himmel,
Es tobte erbrausend das schäumende Meer:
Als, gräßlich geborsten, mit Donnergetümmel,
Felstrümmer und flammendes Flutengewimmel
Vesuv heraufsandt' — ein vernichtendes Heer!

Bang dränget auf Wegen der Eilenden Flüchten,
Es hemmet der Eilenden Flüchten der Tod.
Nicht achtend die schönsten, die heiligsten Pflichten,
Denkt jeder, vernichtend im weiten Vernichten,
Nur eigene Rettung, nicht Anderer Not.

Nur Plinius hegte, umdroht von Gefahren,
Noch hohes Gefühl für nicht eigenen Schmerz,
Nur Plinius konnte noch Liebe bewahren,
Sah flüchtend die Mutter, gefesselt von Jahren,
Sah eig'ne Gefahr nicht, und flog ihr an's Herz.

"O Sohn, o Geliebter! ach rette dein Leben!
O flüchte aus Liebe zu mir von mir fern!
O Sohn, o Geliebter! erhalte dein Leben!
Als ich dir, das teure, mit Wonne gegeben,
War nah' ich dem Tode — drum duld' ich ihn gern."

Mit Jugendkraft rett' ich dir, Mutter! das Leben.
Du trugst mich am Herzen, dich trage mein Arm!
O Mutter, du Teure! ich rette dein Leben.
Als du mir das süße mit Wonne gegeben,
Warst nah' du dem Tode, drum schützt dich mein Arm!

"Mich fesselt die Last, ich erliege den Jahren,
Mich rettest du nimmer, so rette nur dich!
Mich tötet dein Weilen in diesen Gefahren;
In deinem nur sollst du mein Leben bewahren!
Es blühe dir fröhlich, mein Segen für dich!" —

O Mutter, o Teure! wert ist mir dein Leben,
Wenn ich dich entreiße dem nahenden Tod.
O laß mich das süße, das du mir gegeben,
O laß mich das Leben durch Liebe beleben!
Ich rette dich dankbar, mich rettet ein Gott.

Da faßt er die Mutter mit frohem Bemühen,
Mit Jugendkraft eilend auf achwankendem Pfad.
Des Erebus schreckliche Nächte umziehen,
Schnell düster aufleuchtend mit stygischem Glühen,
Die Flüchtigen, kraftlos dem Meere genah't.

Wild folgen nacheilend die flammenden Fluten,
Ein Feuermeer woget im Nachtgrau'n das Land;
Doch Liebe glüh't länger als irdische Gluten!
Es stockt der erstaunende Strom, und den Guten,
Den Rettenden rettet der Himmlischen Hand.

Die Karten

                  I.
Verwünschung der Karten

Ihr bitterbösen Karten!
Euch haß' ich wie den Tod.
Ich haßt' euch von der Wiege,
Und haß' euch bis in's Grab.
Auf welche Folter spannet
Ihr arme Liebende!
O Schmerz, dem keiner gleicht:
In der Geliebten Nähe,
An Einen Tisch, gebannt,
Von Schauenden umringt,
Die Schauenden zu täuschen,
Die Liebe zu verhehlen!
Kein Blick soll von euch weichen?
Kein Wörtchen mir entfallen
Als nur für eure Kunst?
Eh' lernten Vögel schweigen,
Wenn sie den Frühling fühlen,
Als Liebende auf euch
Aug' und Gedanken heften,
Wenn Ein Tisch sie vereint.
Ha seht ihr, wie mein Freund
Grimmglühend nach mir schielt?
O weh! was ist geschehen?
Verloren ist der König,
Die Dame selbst dahin!
Der Einundzwanziger
Erlag, der Törichte,
Des Skises Todesstreich!
O welche bittre Wut,
O welches laute Schelten
Bricht über unserm Haupt
Gleich Ungewittern los! —
O Liebchen, sei behutsam!
Auch ich will mich wohl hüten,
O Liebchen, schleudre Treff,
Pik, Karo, Dame und König,
Und alle bunten Mörder
Leichtsinnigheiter hin —
Nur wahre mir das Herz!

                   II.
          Lob der Karten

Ihr lieben, lieben Karten!
Euch lieb' ich wie mein Leben.
Euch liebt' ich von der Wiege,
Und lieb' euch bis in's Grab.
O welche Wonne schafft
Ihr armen Liebenden!
O Lust, der keine gleicht:
In der Geliebten Nähe,
An Einen Tisch gebannt,
Von Schauenden umringt,
Die Schauenden zu täuschen,
Von heißer Liebe voll!
Was Eltern, Vettern, Basen,
Mit jeder bösen List
Oft ränkevoll verhindern,
Oft von einander trennen,
Das führet ihr zusammen
An Einen trauten Tisch.
Dann bilden sie euch schlau
Zu ihrer Liebe Zeichen,
Zur stummen Wonnesprache,
Erfüllen mit Bedeutung,
Und jedes Blatt verkündet
Dem Freund geheimen Sinn.
Ha seht ihr, wie mein Liebchen
Die sanften Äugelchen
Hellblinkend über euch
Nach mir herübersenkt,
Wie über Rosenwolken
Der Stern des Abends blickt?
Verloren in Gedanken
Sieht sie mein ernster Freund;
Nun sinnt sie einen Streich —
So denkt er — gegen ihn.
Es bebt der König ihm
Schon in der kalten Hand.
O bebe nicht, mein Freund!
Mein Liebchen sinnet nicht
Auf dich, noch auf den Streich.
Die dunkle Wetterwolke,
Die deinem Haupte droht,
Und dich mit Schrecken füllt,
Zieht schadenlos vorbei.
Er jauchzt, des Sieges froh,
Und Ruh' verklärt sein Antlitz.
O lieber ernster Freund!
Noch oft mag Sieg dich krönen
In bunter Blätterschlacht —
Ein gutes Zeichen mir,
Denn Liebchen denkt an mich!
O lieber erster Freund!
Oft strahle dir Gewinn
Von leuchtendhellem Gold —
Der göttlichste Gewinn
Strahlt mir aus ihrem Blick!

Majas Busenstrauß

                              Der Dichter

Überglücklicher Strauß! süßduftend ruhst du am Busen;
Wäre, wo du sanft ruhst, mir doch zu ruhen vergönnt!

                                      Maja

Törichter Wunsch! verwegener Sänger! ruhtest du, wo der
Strauß ruht, all' deine Glut würde mein Fächer verweh'n.

                                    Dichter

Ach, wie zürnet dein Blick! doch kann ich die Wünsche nicht hemmen.

                                     Maja

Frevelnd sind sie fürwahr, kränken durch Kühnheit mein Herz.

                                 Der Dichter

Kränket mir nicht mein zärtliches Mädchen, verwegene Wünsche!

                                 Die Wünsche

Ach wir erglühten ja nur, näher dem Herzen zu sein!


Der Hesperiedenhain

Klage nicht immer, mein Geist, von heiliger Sehnsucht erglühend!
Hülle, von Toren gequält, nicht immer in drückende Nacht dich!
Laß sein Reich dem Stumpfsinn, lächle der grinsenden Bosheit!
Laß mit bleiernem Szepter den Stolz die Erde beherrschen!
Winket dir doch ein Götterhain voll labender Früchte,
Immer neu und schön durch alle Jahrhunderte blühend,
Und der Lethestrom fließt ewig dem reinen Gemüte.
Klage nicht! sehnender Geist! Dem Begeisterten leben die Götter.

Die Leichenfackeln

Dumpfig rollt er dahin mit dem Sarge, der Wagen des Todes
Um den düstern weh'n leuchtende Fackeln umher.
Habet Dank, ihr Flammen des Trostes am Rande des Grabes!
Keine Nacht, lehrt ihr, sei ohne Hoffnung und Licht.

Die Lebensjagd
Nach Casaubon

Wie gejagt aus nächtlichem Winkel, der Hase sich aufrafft,
Fallen mit scharfem Gebiß wütende Hunde ihn an,
Sultan hier und Adrast, dort Herkules, Kastor und Pollux;
Dieser faßt ihm das Ohr, jener zerreißet den Fuß.
So hat kaum der Mensch aus der Nacht in die oberen Lüfte
Sich erhoben, als schon zahlloses Weh ihn umringt.
Krankheit entstellet den Leib, und Schmerzen zerreißen die Seele,
Bis ihn die irdische Kluft wieder beschützend empfängt.