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IV.
Heroen

 

Das Ende der Gironde
Verwilderung
Eine Bestattung
Byron
Georges Sand

 

Das Ende der Gironde

8 Brumaire l'An II. 30. Okt. 1793

Sie saßen, eine finstre Tafelrunde,
In dunklem Saal zu mitternächt'ger Stunde
Bei einem großen, feierlichen Mahl;
Gewalt'ge Männer, Jünglinge und Greise,
Viel braune Lockenhäupter und viel weiße,
In Allem einundzwanzig an der Zahl.

Mit einem Bruderzug im Angesichte,
So glichen sie, beim roten Fackellichte,
Bastarden, die ein starker Gott gezeugt
Mit schönen Töchtern aus dem Menschenstamme
Und die auf sein Geheiß dieselbe Amme
Mit Milch desselben Geistes großgesäugt.

Den Becher in der Faust, der festgeballten,
So glichen sie, die herrlichen Gestalten,
Den Gästen bei tiefnächt'gem Hochzeitsfest,
Die auf den Zeiger starren, und mit vollen
Pokalen und erhitzten Augen grollen,
Daß sie die Braut so lange warten läßt.

Sie sprachen laut, der Becher ging die Runde,
Sein Wein hochrot wie Blut aus tiefer Wunde,
Indes ertönte draußen lautes Schrein;
Oft sah man Männer durch die Fenster lugen,
Es schritten Wachen auf und ab, und schlugen
Mit ihren Hellebarden auf den Stein.

Und fern, fernab bei rotem Fackelfeuer,
Erhob sich ein Gerüste, ungeheuer!
Kein Katafalk, ob schwarz auch, nein, bei Gott
Auch kein Altar — der Mond beschien's, der fahle
Für jene schwarzen Männer dort im Saale
Erbauten rote Männer ein
Schafott!

Ja, ein Schafott war jene Bretterbühne,
Der Saal das Vorgemach der Guillotine,
Der Conciergerie granit'ner Säulensaal;
Der Wein des Todes schwamm in jenem Becher,
Denn Girondisten waren jene Zecher
Und ihr Bankett war auch ihr Henkersmahl.

Wohl waren's Brüder, wenn auch nicht an Jahren,
Denn von der Milch desselben Glaubens waren
Sie aufgesaugt in wilder Schreckenszeit.
Wohl sprach der Bräut'gam hier aus jeder Seele,
Denn jeder harrte, daß man ihn vermähle,
Am Blutbett seiner Braut: Unsterblichkeit.

In seines Brütens Abgrund niederstarrend,
Der Todesstunde fromm entgegenharrend
Saß Sillery, der Patriarch der Schar,
Daneben Vergniaud, die finstre Seele,
Sein Aug': ein Löwe, der sich in die Höhle
Zurückzog, weil der Kampf zu ungleich war.

Viger, der wilde, tobte wüst und trunken,
Ein Fürst, der nach der Kron', die ihm entsunken,
Mit träger Hand nicht wieder greifen mag;
Doch Duchatel, der apollonisch - schöne,
Las Platon's Phädon und vernahm die Töne
Von einem frühverblaßten Jugendtag.

Die lange Nacht war um, der Osten graute,
Da — plötzlich hob sich Vergniaud und schaute
Umher, sein Auge schwarz, wie Mißgeschick —
"Weh' euch," rief er, "die so in Wahn versunken,
Daß sie noch vor dem Sterben zugetrunken
Der einen unteilbaren Republik.

Man mordet euch, Titanenepigonen,
Wie die, die ihr gestoßen von den Thronen;
Begreift ihr's nicht, es war ja Raserei,
An Welten bautet ihr, an idealen,
Als ob für ein Geschlecht von Kannibalen
Solch' eine Welt die rechte Wohnung sei!

Ich sah, wie ihr, der Menschheit Schmach und Schändung,
Ich rang, wie ihr, in gräßlicher Verblendung
Den großen Träumen edler Schwärmer nach.
Einst stach es mir in's Herz, wie tiefe Schande,
Sah ich das Volk mit Kot auf dem Gewande;
Nun trägt es Blut, der Tausch ist neue Schmach!

Die Träumer will ich nach Utopien schicken,
Sie dort zu gründen, jene Republiken,
Die nie gefußt auf unsrem Erdenkot,
Es wäre denn, Gott wolle den Planeten,
Der ihm sehr schlecht gelang, von Neuem kneten;
Eh' aber tilgt uns doch sein Knecht: der Tod.

's gibt keine Hoffnung für das Volk der Erde,
Zerfleischen wird sich unter sich die Herde,
Nach uns des Chaos und des Wahnsinns Sieg!"
Er rief's; da ging der Zorn durch die Versammelten,
Die Fäuste ballten sich, die Lippen stammelten,
Die Augen suchten Valazé: — er schwieg.

Jawohl, er schwieg, er schlief und war erblichen,
Doch nein, er hatte sich hinweggeschlichen
Vom Mahl, ein Judas noch vor'm Morgenrot;
Der Gläub'ge hatte, schwach bei Glaubenslosen,
Sein Messer lautlos sich durch's Herz gestoßen,
Sie glaubten All', er träume — er war tot.

Und nun — der Morgen war herangekommen, —
Auf Wolkenscheiterhaufen, halb entglommen,
Lag trüb' und schwer der rote Sonnenball;
Die Seine dampfte, an den fernen Zinnen
Von Notredame hing Nebel wie ein Linnen
Zum Bahrtuch für die großen Toten all'!

Und in die Halle stürzten wilde Scharen,
Die rote Mütze auf den schwarzen Haaren,
Sie drangen wütend auf die Zecher ein.
Das Volk wird wild, die Henkersknechte harren,
Die Rosse stampfen vor dem Henkerskarren,
Die Bajonette vor! steigt ein, steigt ein!

Sie reihten sich, sie stiegen in den Wagen,
Den ungeheuren, dunkel ausgeschlagen,
Sie riefen laut ihr: Vive la repubique!
Vive la montane! erwiderten die Massen
Des halberstickten Volkes in den Gassen,
Dann ging es fort — rasch wie das Mißgeschick.

Ihr Gassen: Ströme, deren Wogen Häupter
Von Menschen sind! der Sturm des Meers, betäubt er
Wie euer Sturm? Sein Sturm ist Riesenspiel,
Doch überscholl den Lärm des Sturmgetoses
Der Girondistenchor; er sang dein großes
Marseiller Kriegslied, o Rougét de Lisle:

Allons ensans . . . Die dunkle Guillotine
Stand aufgerichtet auf der Bretterbühne,
Ringsum die Schergen, wüst und sinnberaubt.
Bei aller Todgeweihten Abschiedrufen
Schritt Sillery hinan die Bretterstufen
Und legte auf den Block ein weißes Haupt.

Des Volkes Schrei, der Sterbenden Gesänge
Verhallten dumpf, da ritt durch das Gedränge
Ein Reitersmann, sein Roß ein wildes Tier,
Er selber klein, tiefäugig, jung an Jahren,
Olivenfarb' mit langen, schwarzen Haaren,
Ein Korse von Geburt und Offizier.

Er hob sein Aug' empor, das schwarze, wüste,
Erkannte Vergniaud auf dem Gerüste
Und rief: Mein armer Freund, du hattest Recht,
Es stehen unsre Namen in der Urne,
Die Revolution gleicht dem Saturne,
Und sie verschlingt ihr eigenes Geschlecht.

Aufschrie das Volk, ein Tiger freudetrunken,
Es waren zwanzig Häupter hingesunken —
Kehrt weg das Blut! das Stück für heut' ist aus.
Der kleine Korse gab dem Pferd die Sporen,
Er ahnte nicht, tiefbrütend, traumverloren,
Daß er der Zeus im künftigen Götterhaus!

Verwilderung
1843

                              I.

Ein Mann in Bettlertracht zog talhernieder
Vom Grat des Schwarzwaldes, traurig und alleine
Auf einen Stab gestützt die hohen Glieder.

Die Tannen glühten rings in rotem Scheine,
Eichhörnchen rauschten kletternd in den Zweigen
Und kluge Schlänglein zuckten im Gesteine.

Der bleiche Mann glitt oft im Niedersteigen,
Sein irres Aug' schwamm in des Äthers Bläue,
Wo Adler hielten einen stillen Reigen.

Und aus dem Laubgebüsche trat das treue,
Harmlose Reh und blickte nach dem Blassen,
Als ob's sich seiner düstern Schönheit freue.

Er aber hatte bald den Wald verlassen,
Und vor ihm lag's — so weit der Blick auch dringe —
In Schönheit, die nur deutscher Sinn kann fassen!

Der Weinstock zog am Felsen seine Schlinge,
Es blitzt' der Fluß, es wogt' das Feld der Ähren,
Wie wenn ein Unsichtbarer drüber ginge.

Mit seiner Seel' im seltsamen Verkehren
Hinschritt der Mann; oft lauscht' er still, erschrocken,
Und horchte, als ob Geister um ihn wären.

Und als im Tal erklangen Abendglocken,
Da lacht' er auf — die Luft hat es vernommen —
Und griff an's Aug', allein ein Aug' war trocken.

Zum Tor des Städtchens war er nun gekommen,
Und trieb sich durch die sonntagsbunte Menge
In scheuer Hast, das Auge glutentglommen.

Da plötzlich rief ihn Einer im Gedränge:
Du, Hölderlin! woher von Frankreichs Erde?
Weltwandersmann, erzähle deine Gänge!

Welch' karges Brot brachst du an fremdem Herde
Du, Frommer, blickst ja wie ein Missetäter!
Wie so verwandelt Antlitz und Gebärde?

Scheu sprach es Matthisson, so hieß der Städter,
Er eine Lerche nur in Morgenstrahlen,
Doch Hölderlin ein Sängerschwan im Äther,

Der sich sein Nest gebaut in Hellas' Talen
Ein Spättitanengeist, gewittertrunken —
Ein Wanderer auf feurigen Sandalen —

Im Ton des Leibs ein Sonnenfeuerfunken,
Ein Schüler Platon's, und ein Bruder all;
Den Heil'gen, die bei Marathon gesunken.

Wie beide Freunde durch die Straßen wallen,
Spricht Hölderlin; — das klingt in wirren Bilden,
Wie in Dodona's Hain der Becken Schallen.

Und er erzählt in Rhythmen, immer wildern,
Von einem Jüngling, der in Lieb' entbrannte,
Unsagbar, sonnenglühend, nicht zu schildern.

Sie, die vom Welturanfang ihm Verwandte,
Muß in den Armen eines Andern schmachten —
Die Hölle hat nicht ärmere Verbannte!

Wie beide Seelen nach Vermischung trachten,
Das Weib bleibt stark, in Qualen unvergeßlich,
Doch endlich bricht ihr Herz nach tausend Schlachten.

Sie stirbt. Und um den Jüngling dunkelt's gräßlich,
Er springt aufs Roß; sein Roß, es wird zum Drachen
Und saust durch eine Wüste unermeßlich.

Und wie die Donner in den Himmeln krachen,
Gähnt eine Höhl' ihn an mit weiten Toren,
Wie eines Teufels lachend-offner Rachen.

Frau Venus, die ihr irdisch Reich verloren,
Sie hat den Berg mit seinen Wundergängen
Zu allem Gräul der Wollust auserkoren.

Den Jüngling zieht's mit Düften und Gesängen,
Er steigt hinab und ist nicht mehr zu retten.
Wie alle Lüste ihm an's Herz sich drängen!

Lemuren binden ihn mit Rosenketten,
Zur Hefe trinkt er leer den Kelch der Sünde
Und sinkt betäubt und tot auf blum'ge Betten.—

Doch wie das Frühlicht überstiegt die Gründe,
Erwacht er krank — und im Gestein verschmachtet,
Er ist ein Greis und rauft sein Haar im Winde. —

Und Hölderlin erzählt's, und ihn betrachtet
Der treue Freund und bricht in sich zusammen;
Mit einem Male steht er schmerzumnachtet

Im Freundesaug' des Wahnsinns Höllen stammen.
An jenen Jüngling dacht' er, zwischen Steinen,
Und bat, daß ihn die Götter nicht verdammen —
Und stahl sich fort, um in der Nacht zu weinen.

                              II.

O Wahnsinn, Blitz, der auch die weißen Locken
Nicht schont, und waren sie wie Schnee der Firne
Mißton aus eines Geist's zersprung'nen Glocken —

Dämonenfingermal auf einer Stirne —
Du Wurzelbreiter eines Parasiten,
Seltsamer Blüten voll — du Wurm im Hirne —

Geist, der bei unsrem Geist, dem Eremiten,
Im Haupte Wohnung sucht für karge Löhnung!
Ich kenne dich — ich habe viel gelitten —

Mich dünkt, in dir ist gräßlichste Verhöhnung
Von unsres Geistes Göttlichkeit zu schauen;
Denn auch im Tode gibt's hier nicht Versöhnung!

Seit jenem Wiedersehn in Schwabens Gauen
Kam vierzig Mal der Lenz auf seiner Reise,
Um seine Welt aus Farb' und Duft zu bauen —

Und immer noch erzählt' im Kinderkreise
Ein kranker Mann von der Gestirne Chören,
Vom Pantheos — von der Hellenen Weise —
Doch ohne Tränen konnt' ihn Keiner hören.

Eine Bestattung
18. August 1822

Still war es, still! Das Sonnenaug' ward trüber,
Natur hielt ihren Odem scheu an sich,
Als wünschte sie: die Stunde sei vorüber.

Ein kaltes Todesfrösteln überschlich
So Meer als Land, und ob kein Lüftchen hauchte,
Das blasse Gras des Ufers sträubte sich.

Still lag das Meer. In der Entfernung tauchte
Das blaue Elba aus der dunklern Flut,
Indes Livorno fern am Strande rauchte.

Sonst Öde, Öde! nur als treue Hut
Die Alpen: Wächter mit ergreistem Haar,
Sich wärmend an dem Herd der Abendglut,

Und hierher blickend! denn am Strande war
Ein mächt'ger Scheiterhaufen aufgeschichtet,
Es drängte sich um ihn die bleiche Schar

Erschrockner Menschen, deren Blick gerichtet
Auf eine Leiche, die auf jenen Scheitern
Mild da lag, wie ein Träumer, wenn er dichtet.

Ein Mann, vorragend unter den Begleitern,
Wie unter Menschenvolk ein Göttersohn,
Hielt seinen Mund auf jenen Todesheitern,

Von dem der Falter Odem längst entflohn.
Der Mann war jung! Ob schmerzliches Erkennen
Die weiße Stirn gefurcht, und bittrer Hohn

Den Mund umzuckte, war er schön zu nennen,
Schön wie ein Seraph, der zur Erde kam,
Für schöne Erdentöchter zu entbrennen.

Ein schwarzer Mantel deckt' ihn. Er war lahm,
Wie alle großen Engel, die gefallen,
Und denen Gott den farb'gen Fittich nahm.

Was auch sein Name war in Geisterhallen,
Hier: Noel Byron, König, dessen Reiche
Die Menschenherzen, Träume die Vasallen.

Und Shelley, Shelley war die schöne Leiche,
Die hingestreckt aus jenem Holzstoß lag,
Voll Gottesruh' das Angesicht, das bleiche.

Ein ernsthaft spielend Kind — ein Maientag —
Der Schatten eines Menschen — eine Laute,
Von jedem Windhauch tongeschwellt — ein Hag

Voll Rosenduft — ein Geist, der Geister schaute,
Der Wurm und Vogel seine Brüder nannte
Und dem Natur ihr tiefstes Sein vertraute.

Vom Vaterfluch gebeugt, zog der Verbannte,
Der Ketzer für Europa's Pharisäer:
Die Söhne Albions, das ihn nicht erkannte,

Von Land zu Land. Es folgten ihm die Schmäher,
Die Mörder, die unsel'ger Wahn gedungen;
Und da nun der Naturgott-trunk'ne Seher

Ein still Asyl dem Schicksal abgerungen,
Da hatten ihn auf irrer Meeresfahrt
Die Fluten wie ein Meteor verschlungen.

Das war's! Da lag er nun nach Griechenart
Auf einem Holzstoß — rings die Gilde trüber,
Erprobter Freunde um ihn her geschart.

Natur ward still dem Liebling gegenüber,
Den sie unwissend totschlug — sie erblich,
Als wünschte sie, die Stunde sei vorüber.

Ein kaltes Todesfrösteln überschlich
Das stille Meer und das verbrannte Land,
Und jeder blasse Grashalm sträubte sich.

Da hob sich Byron, warf den ersten Brand
Aufs Holz, auf daß es Flammenblüten treibe,
Und rief, das Aug' zur Leiche hingewandt:

"So werde eins mit der Natur! Es bleibe
Nichts, was da mahnt an schreckende Phantome,
Geripp' und Moderduft von deinem Leibe.

Zerstäubt nun, langgefesselte Atome,
Schwebt himmelan, senkt euch zur Erde nieder,
Seid Tropfen Bluts im großen Lebensstrome.

Die Flamme steigt, sie frißt die zarten Glieder!
Gießt duft'ges Öl — die ird'nen Formen brachen,
Natur, du hast den großen Toten wieder!"

Der Dichter schwieg. Da wurden tausend Sprachen
In Meer und Lüften wach. Ein Sturm brach los,
Die Möwen jauchzten! Freud'ge Blitze stachen

In's Meer: das blaue Erdaug'. "Sel'ges Los,"
Sprach Byron, "tiefer, wunderbarer Friede!
Eins mit Natur! Staub! eine Handvoll bloß!
Verbergt sie bei des Cestius Pyramide!"

Byron

Du Zwielichtsgeist, halb Lichtgebild, halb Schatten,
Spätsohn der alten Erde, Mensch, Gigant,
Geschöpf, in dem sich Höll' und Himmel gatten,
Mein schlaflos Aug' ruht starr auf dich gebannt.
So oft vor mir in mitternächt'gen Stunden
Dein hohes Haupt, von Flammenglut umleckt,
Dein hoher Leib voll ungeheurer Wunden,
Sich wie ein Bild der Mythe bäumt und reckt —
Ahnt meine Brust — ob ewig unverstanden
Dein Inn'res bleibt — ein unergründlich Reich —
Die Qual des Titans in demantnen Banden,
Prometheus' Qual kommt deiner Qual nicht gleich!
Weh' Jedem, der mit waffenstarken Armen,
Nackt, ohne Schild, doch göttlich-unverzagt,
Wie einst Herakles, ruhlos, ohn' Erbarmen,
Das Untier Laster zu bekämpfen wagt,
Der allen Sünden seines Vaterlandes
Den Mantel Lüge von dem Leibe reißt,
Und hinter all' dem Flitter des Gewandes
Der Welt die Spur lebend'ger Fäulnis weist.
Ob mit dem Helden Kraft und Jugend ringen,
O alte Wahrheit, o uralter Hohn! —
Die Pfuhlgeburt mit unlösbaren Schlingen
Umschnürt den Priester, den Laokoon!

O Söhne Albions, neue Pharisäer,
Wie habt ihr gut das Rächeramt vollstreckt
An Jenem, der, der Welt ein großer Seher,
All' eure Sünd' und Kleinheit aufgedeckt!
Daß ihr getobt an seines Schlosses Stufen,
Daß ihn dein frommer Pöbel "Satan" schalt,
Daß ihr ihm laut das "Steinigt ihn!" gerufen,
Das ist ein Stück, schon ein Jahrtausend alt;
Daß ihr vergiftet seiner Schwelle Frieden,
Ihn exiliert aus Vaterland und Glück,
Daß ihr von Weib und Tochter ihn geschieden,
Beim ew'gen Gott, das war ein Meisterstück!

Als ob er nicht in sich schon arm und elend,
Er, der zu tief in's Menschenherz geschaut,
Der, einen ew'gen Schmerz in sich verhehlend,
Ihn heiß geliebt wie eine schöne Braut;
Er, der ein ew'ger Geist im Fleisch geboren,
Das Weh, die Irrsal einer Zeit erkannt,
Die das verscherzt, zertrümmert und verloren,
Um was sie gläubig sonst im Kampfe stand;
Er, der vergessen wollte und genießen,
Und stets am Weg verzweifelnd niedersank,
Auf Schlangen trat in Segensparadiesen
Und — seinen Wein aus Totenschädeln trank!

Als ob, was er gefehlt, was er verschuldet
Am Menschenvolk, in Fehlen jeder Art,
Er nicht gebüßt durch das, was er geduldet
Auf seiner wüsten Lebens-Irrefahrt! —
Doch, er ein Frevler? schuldig seine Hände? —
War nicht sein Lieben große Zuversicht?
Die Zukunft war ihm tröstliche Legende,
Die Vorzeit: Gottes herrliches Gedicht.
Wie liebte er sein Hellas doch so milde,
Der Göttertage spätgekomnmer Sohn, —
Althellas ist ein weißes Steingebilde,
Er war des Steins Epi-Pygmalion!

Ihr habt gesiegt! an euren Schlangenbissen
Brach seine Heldenkraft, sein Jugendmut,
Aus seiner offnen Seite, schmerzzerrissen,
Verströmte in Gesang das Dichterblut.
Er wollte sterben. Auf Ravenna's Düne
Saß er zu Füßen der geliebten Frau,
Es flog sein Aug', der braune Aar, der kühne,
Verzweiflungsstill durch Meer und Himmelsblau.
Des äußern Kampfes müde wie des innern,
Bat er des Schicksals unbekannte Macht,
Bat er aus seinem gramzerfleischten Innern
Gott um ein Schwert und eine letzte Schlacht.

Ja, eine letzte Schlacht, um auszubluten, —
Er sprang zu Schiff und rief: Nach Hellas hin!
Es flog sein Haar im Winde, in den Fluten
Umzog den Kiel der Sängerfreund: Delphin.
O schnödes Schicksal, das mit Helden wettet
Und eine letzte Bitte nicht gewährt!
Lord Byron stirbt, eh' Hellas noch gerettet,
Er stirbt, doch nicht den Tod durch's schöne Schwert.
Fern Weib und Kind, nur braune Sulioten
Umsteh'n das Bett, in Händen das Gewehr,
Und Missolunghi's Trauer um den Toten
Zieht im Kanonendonner über Meer.

Dies, dies sein Tod! warum sich nicht begnügen
Mit Götterruhe, Lenz und Liebeslust?
Warum besang er nicht die alten Lügen
Von Lenz und Glück, wie sonst die Sängerbrust?
Unsel'ger Schatten, sieh dir jetzt mit Grauen
Die neue Zeit und ihre Kinder an! —
Wer hieß sie in des Busens Hölle schauen?
Unsel'ger! leugne nicht! du hast's getan.
Wie du, ruft nun im Süden wie im Norden:
"Ein Schwert und eine Schlacht" die junge Welt,
Verfehlte Tat ist jedes Lied geworden
Und jeder Dichter ein verfehlter Held!

O großer Byron, Sternbild künft'gen Tagen,
Du magst es leicht verschmerzen, o Poet,
Daß, da dir aller Länder Herzen schlagen,
Dein Heimatland noch deinen Schatten schmäht!
Verachtend mag dein lidlos Auge schauen
Auf dieses reiche, arme Inselland,
Auf seine Stadt mit ew'gem Nebelgrauen
Und auf Westminster, draus dein Staub verbannt.
Erhaben über Krieg und Weltgewimmel
Stehst du erstarrt in deiner großen Pein,
Das ist's! Den Engeln Hölle oder Himmel!
Dem Menschenvolk die Erde, arm und klein!

Georges Sand

Wer bist du? sprich! Mit tausend heißen Trieben
Rankt sich mein Geist an deinen Geist hinan —
Wie kommt's, daß man dich ohne Schmerz nicht lieben,
Und ohne Liebe dich nicht kennen kann?
Bist du ein Weib, ein leibhaft-lebenswarmes,
Bist du ein Geist, der mutig Hilf und Recht
Und große Sühnung fordert für ein armes,
Zu lang' in Staub getretenes Geschlecht?
Bist du ein Dämon? Sieh, die Menge glaubt es,
Doch ist so mild und priesterlich dein Wort!
Wir sah'n schon oft die Glorie deines Hauptes
Und dennoch scheucht's des Zweifels Geist nicht fort.

Ich habe dich zuerst auf blauen Wogen
Wie eine trunkne Muse schiffen sehn,
Es waren Ranken um dein Haupt gezogen,
Den Mantel trug der Frühlingslüfte Weh'n.
Wohin du tratest, ward die Erde bunter,
Es duftet' Poesie, der Zauberbaum —
Und Viele, die dir folgten, gingen unter
In tiefe Flut, von Wunder und von Traum.
O Lelia du! dein großes Auge brannte,
Als ging's zum Kampfe, warst du stolz bewehrt,
Du warst halb Kriegerin und halb Bachante
Und tödlich schon — fast wie ein nacktes Schwert!

Das ist vorbei! Den Mantel umgeschlagen,
Im großen Aug' den Ernst der Priesterin,
So seh'n wir dich — in unsern bösen Tagen
Durch's Labyrinth der großen Städte ziehn.
In jenen Räumen des lebend'gen Todes
Zeigt deine Hand das Elend, kalt und tief,
Die Not — die Kinder mordet, wie Herodes,
In deren Schar vielleicht ein Heiland schlief.
Wir seh'n, beleuchtet von der Dichtung Gluten,
Des Proletariers Ohnmacht, Kampf und Schmerz,
Wir seh'n, wie Barrikadenhelden bluten,
Und hinter Lumpen manches Helden-Herz.

Dran kennt man dich. Du bist nicht von den kalten,
Selbstsücht'gen Heuchlern blasser Poesie,
Den Wolkengängern, die's mit Geistern halten,
Doch mit dem armen Erdenvolke nie!
Es ist so leicht, die Menschen zu verachten,
Weil sie die Quintessenz des Standes nur;
Viel größer ist's, sie liebend zu betrachten
Und kennen ihre arme Staubnatur!
Poet, verbinden willst Du nicht die Wunde,
Die häßlich ist und deine Hand befleckt?
Poet, du wirst beschämt von einem Hunde,
Der seinem Herrn die Wundenmale leckt!

Du dreimal-weiblich Herz! Wie gingst du mutig
Der Wahrheit nach in ernster Frömmigkeit;
Du suchtest sie im Herzen, reich und blutig,
In der Natur und im Getrieb der Zeit!
Auf Alpenhöhen, wo die Tannen rauschen,
Am Meeresstrande, wo nicht Menschen-Spur,
Im Eis der Gletscher gingst du hin, zu lauschen
Dem Zwiegespräch von Gottheit und Natur!
Zu allen Weisen gingst du Rat zu holen
Für deines Herzens unermessnes Weh,
Und schlichst dich in der stillen Nacht verstohlen,
Ein Nikodem, zum milden Lamennais!

Am Schöpfungstage ward dem Weib geboten,
Auch den zu lieben, der das Herz ihr bricht.
Den kargen, klugen, lauernden Despoten,
Der innerst kalt von seinen Gluten spricht.
Du dreimal-weiblich Herz! Dein ganzes Leben,
Ein Irregehn nach Liebe war es nur;
Du liebtest viel, drum sei dir viel vergeben,
Du sprachst zum Schöpfer durch die Kreatur.
Daß du dich oft getäuscht an jenen Göttern,
Für die der Weihrauch deiner Brust gebrannt,
Das mußte sein — du durftest sie zerschmettern,
Weil sie dein Herz zuletzt zu schwach befand.

Du kamst zu spät! Mit Tränen möcht' ich's klagen,
Daß dies Jahrhundert dich zu spät gebar.
Auf Missolunghi hört' es auf zu schlagen,
Das einz'ge Herz, das deiner würdig war!
Und eines Tag's wirst du dem Himmel sagen:
Die Erd' ist arm, wo trag' ich hin mein Weh? —
Und rufen wird's: Siehst du die Gletscher ragen?
Man kann noch sterben unter Eis und Schnee!
Wie Dolche sich in's Herz, in's warme, graben,
So gräbt sich schmerzlich dir die Wahrheit ein:
Daß groß sein heiße: keinen Nächsten haben
Und daß es traurig sei, so groß zu sein.

Du aber, Volk, das wagte sie zu lästern,
Sie zu verfolgen unter Hohn und Spott,
Eunuchen, Heuchler, Pfaffen, fromme Schwestern,
Poeten ohne Herz und ohne Gott:
Ich zürn' euch nicht. Ihr solltet sie verstehen?!
Für bessre Leute spar' ich meinen Zorn!
Sie hat im Himmel Rosen blühen sehen,
Doch nicht auf Erden wuchern euren Dorn!
Ihr habt ja niemals tiefres Weh empfunden,
Und glaubt, wer leidet, muß auch schuldig sein,
Ihr seht den Dulder mit der Stirn voll Wunden
Und wißt nicht, ob es Christus oder Kain.

Wie ihr das Weib entwürdigt und getreten,
Das faßt kein Wort in kalter, stiller Wut,
Ihr spracht: Es soll gebären oder beten,
Und weh' ihr dreimal, wenn sie Andres tut.
Wenn sie im Rat der Weisen wagt zu sprechen,
Wenn sie, gehöhnt, zuletzt die Kette bricht
Und stolz ihr Recht begehrt, so ist's Verbrechen,
Und ohne Schonung haltet ihr Gericht.
Viel Kronen gibt es, dunkle, dornenvolle,
Die Gott den Kindern dieser Erde lieh;
Die schwerste doch, mit der der Herr im Grolle
Ein Weibeshaupt bekränzt, ist — das Genie.