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Neue Gedichte
Ernst Rauscher

Innsbruck 1881
Verlag der Wagner'schen Universitäts-Buchhandlung

Erstes Buch
  

Weltauffassung
In trüber Zeit
Gleichnis
Das Lied der Menschheit
An ein junges Mädchen
Menschenweise
Es wird schon recht sein
Schwarzseher
Ein Wanderer
Sommernacht
Herbstlieder

Todessehnsucht
O einmal noch so froh zu sein
Gebannt
Fragen
Sprüche und Epigramme
Alte Briefe

So willst du noch Einmal

Weltauffassung


Wie schwärmte einst das wunscherglühte,
Das junge Herz durch's Leben hin!
Abpflücken mußt' ich jede Blüte,
Die duftverheißend mir erschien;
Von jeder Beere mußt' ich naschen,
Die saftig zwischen Blättern hing,
Mit raschem Griff im Fluge haschen
Den farbenbunten Schmetterling.

Dem unersättlichen Begehren
Genügte nicht der schöne Schein.
Das bloße Schauen hieß Entbehren,
Besitzen war Genuß allein.
Doch ach! Die Blume kaum gebrochen,
Verschrumpfte welkend in der Hand,
Die Frucht verfaulte, wurmdurchkrochen,
Des Falters Glanz verblich und schwand.


Und jedes Zaubers, jeder Zierde
Schon dünkte die Natur mich bar, —
Bis ich das Feuer der Begierde
Getilgt im Busen ganz und gar.
Da lernt' ich allgemach erfassen
Der tiefsten Weisheit wahren Sinn:
Nur das ist unser, was wir lassen,
Und nur Entsagen bringt Gewinn.

Mag ruhig nun die Beere reifen,
Die Blüte blüh'n — ich pflück' sie nicht!
Mag unverfolgt und sicher schweifen
Der Schmetterling im Sonnenlicht!
Ein Bild nur ist die Welt mir eben,
Das ich betrachte wunschlos-still,
Und Schmuck und Reiz ist ihr gegeben
Auf's Neue — seit ich nichts mehr will!


In trüber Zeit

Saß im Zimmer ich allein,
Saß in stummer Herzenspein —
Vor dem Fenster ein Vögelein
Hört' ich im Busche singen.

Sang so emsiglich und schnell,
Sang so wohlgemut und hell,
Gleich als wollte auf der Stell'
Die Kehle ihm zerspringen.

Sah der Himmel grau herab,
War die Erde wie ein Grab,
Glücklich, wem ein Gott es gab
In trüber Zeit zu singen! —


Gleichnis

Ahnst du das Glanzgewimmel,
Das Sternenweltenheer
Am tageshellen Himmel,
Im Blau so tief und leer? —
Da geht die Sonn' zur Rüste,
Gedunkelt kommt die Nacht —
Und sieh! die Ätherwüste
Erblüht in gold'ner Pracht.

So, weil dich überblendet
Der Strahl des Lebenslicht's,
Dein Blick in's All gewendet
Erschauet nur — das Nichts;
Doch wann die schwarze Hülle
Des Todes niederfließt —
Wer weiß, welch' lichte Fülle
Dir einst entgegensprießt!


Das Lied der Menschheit

Es weht der Wind, ich schreite
    Die Straße rasch entlang;
Der Draht ist mein Geleite,
    Fortlaufend von Stang' zu Stang'.
        Was summt und saust,
        Was brummt und braust
In Lüften wie Geistergesang?

So rätselhaftes Klingen
    Vernahm ich nie zuvor,
Auf unsichtbaren Schwingen
    Umflattert es mir das Ohr
        Geschäftiglich,
        Als einten sich
Unzählige Stimmen zum Chor.

Verkündend Freuden, Leiden,
    Durchkreuzen so die Luft.
Magst du im Strauße scheiden
    Der einzlen Blume Duft:
        So deute mir
        Das Tongewirr,
Wie's flüstert und säuselt und ruft!


Ist's nicht ein Wimmern, Ächzen,
    Wie wenn's an's Sterben geht?
Kommt's nicht wie Rabenkrächzen
    Nun plötzlich herangeweht?
        Indes ein Herz
        In wildem Schmerz
Erbarmen vom Himmel erfleht?

Und jetzt — in alle Winde
    Der Mutter Wonneschrei!
Von da und dort dem Kinde
    Schallt Segen und Heil herbei.
        Nun gellt's und schwirrt's,
        Nun schellt's und klirrt's,
Als splitterten Schwerter entzwei.

Horch! nun ein seufzend Fragen
    Der sehnsuchtvollen Braut —
Blitzschnell zurückgetragen
    Vertröstender Antwortlaut!
        Von Land zu Land,
        Von Strand zu Strand
Ein Grüßen gar heimlich und traut!


Mit tönendem Gefieder
    Hinfliegt's wie Siegeskund';
Ein Wogen auf und nieder,
    Ein Jauchzen von Mund zu Mund!
        Dazwischen bang
        Der Schwanengesang
Des Helden auf blutigem Grund'!

Dies Alles: Ferne, Nähe,
    Ost, West und Süd und Nord,
Glück, Unglück, Lust und Wehe,
    Haß, Liebe, Geburt und Mord —
        Es schwebt und webt,
        Es strebt und bebt
Zusammen einen Akkord!

O Draht! der in die Weite
    Von Stang' zu Stange dringt —
Du bist die Leier-Saite,
    Zu welcher die Menschheit singt
        Ihr Lied — das braust,
        Das summt und saust,
Mit Flügeln des Sturmes beschwingt!


An ein junges Mädchen

Ein Rosenknöspchen, aufgegangen
In frischer Schönheit, lustbeglückt,
Die Augen leuchtend, rot die Wangen,
Stehst du vor mir, zum Ball geschmückt.

Mir ist, als ob in's Herz mir lachte
Ein ganzer Lenz voll Sonnenschein;
Und dennoch, wenn ich dich betrachte,
Mischt sich ein leis Bedauern ein.

Ach! still erblüht im Vaterhause,
Von fremden Händen unberührt;
Zum erstenmal in's Festgebrause
Der Welt wirst du hinausgeführt.

Trittst aus dem holdbescheid'nen Kreise
Hin auf den Markt der Eitelkeit,
Zu ringen nach dem Schönheitspreise,
Den andern Blumen angereiht.


Dein Liebreiz, der bisher verborgen
Im Schattendunkel züchtig blieb,
Wagt sich an's offne Licht, und morgen
Bist du schon reizender, als lieb.

Das leichte Kleid, es ist zerknittert,
Zerdrückt die zarte Spitzenzier —
Mit heißem Hauche hat umwittert
Verlangen Sinn und Seele dir.

Verweht der duft'ge Schmelz für immer
Von deinem reinsten Unschuldsglück!
Als Kind verlassest du dies Zimmer,
Als Jungfrau kehrest du zurück.

Ja, Mädchen, also wird es kommen —
Du selber fühlst es unbewußt,
Was wär' dir heimlich so beklommen
Zu Mute sonst bei aller Lust?

O nicht das laute Festgetriebe,
Das neue ist's, wovor dir bangt:
Ein tiefes Ahnen ist's der Liebe,
Die schon nach deinem Herzen langt.


Menschenweise

Hingegeben mit Behagen
Keiner Stunde rein und voll,
Daß wir immerdar doch jagen
Nach der Zeit, die kommem soll!

Kaum auf schneebefreiten Hängen
Ist das erste Grün zu seh'n,
Und in Schattenlaubengängen
Möchten wir uns schon ergeh'n.

Blütenkränze schimmernd hangen
Von den Bäumen; doch es sucht
Ungeduldiges Verlangen
Zwischen Blättern schon die Frucht!

Aber losgetrennt vom Zweige
Liegt sie bald an Stammes Fuß —
Jahr und Leben geht zur Neige
Ohne ruhigen Genuß.


Ach! dann stehen wir und klagen:
Hemme deinen Flug o Zeit!
Nutzlos! ihre Schwingen tragen
Uns in die Unendlichkeit!


Es wird schon recht sein

Wann aus dem Körper einst die Seele flieht —
O wer es wüßte, was mit ihr geschieht!
Taucht sie hinab in des Vergessens Nacht?
Fliegt sie empor zum lichten Sternzenit?
Ob sie gestaltlos schwebt im ew'gen Raum?
Ob eine neue Wohnung sie bezieht? —
Dies Alles, wär's ein größ'res Wunder wohl,
Als daß auf diese Erde sie geriet? —
Frag' weiter nicht, befehle ihr Geschick
Dem Unsichtbaren, der ihr Ringen sieht.
Was auch geschehen möge — sei getrost:
Es wird schon recht sein, was mit ihr geschieht.


Schwarzseher

Wie ist der Himmel so trüb und grau,
   Die Erde ganz ohne Schimmer!
So dacht' ich, sinnend mit finst'rer Brau',
   Und grübelnd in meinem Zimmer.

Ich trat hinaus — da war es hell und rein
   Der unendliche Himmelsbogen:
Es war nur vor meinem Fensterlein
   Eine Wolke vorbeigezogen!

Ein Wanderer

Soll ich streben und genießen?
Soll ich ruhen und entsagen?
Soll ich strenge mich verschließen?
Oder frisch in's Leben wagen?

Weise gibt es, die das Eine,
Weise, die das And're lehren,
Aber ihrer Lehren keine
Konnte völlig mich bekehren.

Denn das Eine, wie das And're
Führt — so scheint es — nicht zum Heile,
Also zwiegespalten wand're
Ich nun schon geraume Weile.

Pflückte manche Blüt' am Wege,
Labte mich an mancher Tränke;
Doch manch blühendes Gehege
Ließ ich links, und manche Schänke.

Habe manchen Berg erklommen,
Manchen Hügel nur umschlichen,
Diesen Strom hab' ich durchschwommen,
Jenem bin ich ausgewichen.

Und so geh' ich meine Weise
Weiter, unter Lust und Bangen —
Wird sich wohl am Schluß der Reise
Zeigen — ob ich recht gegangen!

Sommernacht

So viel schöner die Erinnerung
An beglückte Zeit, als diese selber,
So viel schöner, als der goldenste,
Sonnigste der Tage, ist die Mondnacht!

Zauberhelle dämmert allverklärend
Über'm Walde, d'rin das Käuzchen seufzt,
Dämmert über Wiesen, wo der Grille
Schläf'riges Gezirpe rastlos tönt.

Eine späte, fleiß'ge Sichel klingt,
Wachtelschlag herauf aus duft'gem Kornfeld,
Jezuweilen in azur'ner Ferne
Um die Berge zuckt es wetterleuchtend.

Aber, wie der Greis, der silberlockige,
Auf den Jüngling blickt, dem Leidenschaften
Noch im Busen flammen, — mildelächelnd
Blickt der Vollmond auf die heiße Erde.

Von des Nußbaum's breiten Blättern träufelt
Weißes Licht, die Stufen der Veranda
Fließt es nieder, an dem Hausgewände,
Daß es gleißt, als wär' es eitel Marmor.

Aus dem Schatze der Erinnerungen
Heb' ich mir die köstlichsten der Perlen,
Lasse flimmern sie, wie Tropfen Taues
Dort im keuschen Schoß der weißen Rose,

Bis in süßer Müdigkeit die Seele
Mir dahinschmilzt, wie das Wolkenflöckchen
Hoch im Äther, wie Resedenhauch
In der lauen Luft sich wonnig auflöst.

Herbstlieder

                  1.

Breitest deinen duft'gen Schleier
    Wieder über Berg und Flur,
Stille Jahresabendfeier,
    Sabbathruhe der Natur!
Gold'ner Herbst! So hold gemutet
    Mich der Frühling selber nicht,
Als mich wundersam umflutet
    Dein gelindes Zauberlicht.

Ach! in dieser milden Sonne,
    Die mit Wettern nimmer kämpft,
Wird zu sanfter Freude Wonne,
    Wird zu Wehmut Schmerz gedämpft,
Während Nebel hoch im blauen
    Äther aufgelöst verschwimmt,
Herz und Auge klarem Schauen
    Heit'rer Schöne zugestimmt.

O wie tief sich das Gemüte
    Jedem schwächsten Strahl erschließt,
Jeder nachgebor'nen Blüte,
    Die am Rain verloren sprießt,
Jedem Zwitscherton, der leise
    Aus dem Walde noch erklingt,
Wo das Laub im Tummelkreise
    Schwebend, sich zu Boden schwingt!

Doch beschaulich dann und sinnig
    Kehrt es in sich selbst zurück,
Und empfindet wärmer innig
    Treuer Liebe Dauerglück,
Wenn der Geist im Drang des Lebens,
    In der Tage raschen Flucht
Ach! ein festes Ziel des Strebens
    Ewig unbefriedigt sucht!

                  2.

Die Sonne geht scheiden, es zittert
    Ihr letzter Strahl durch die Luft,
Gebirge und Hügel umflittert
    Goldpurpurner Schleierduft;
Vorüber das blühende Drängen,
    Vorüber die Erntezeit!
Auf Wiese, Feld und Gehängen
    Liegt süße Müdigkeit.

Am Rain, wo gemach sich die Eiche
    Im Hauche des Windes entlaubt,
Wiegt eine vergessene, bleiche
    Spätblume ihr sinnendes Haupt;
Bald ist dein einsamer Kummer
    Beruhigt, Verschmähte du!
Bald schließt langdauernder Schlummer
    Auch dir die Augen zu.

Es schleichen schon dreister und dreister
    Vom dunkeldämmernden Moor
Die Scharen der Nebelgeister
    Um nimmer zu weichen — hervor.
Laß heiter o Herz! uns entsagen —
    Genossest ja all der Pracht —
Von schönen, goldenen Tagen
    Laß träumen uns! — gute Nach!

                  3.

Welch' milder Hauch, welch' sanft Geleuchte
    Ergossen über Berg und Tal!
Nach Regenguß und Nebelfeuchte
    Wie frühlingswarm der Sonne Strahl!

Die Alpe, leicht mit Silberflocken
    Bestäubt, im reinen Himmelblau —
Will sie noch Einmal mich verlocken
    Zur Höh' hinan durch Feld und Au?

So spiegelhell der See! Am Strande
    Liegt still der bunte Ruderkahn —
Lös' ich noch einmal seine Bande,
    Und steure auf die Wasserbahn?

O nichts! — Mein Herz vom Frost getroffen,
    Ist jeder holden Täuschung satt,
Und all' sein Streben, Wünschen, Hoffen
    Längst abgewelkt, wie Blum' und Blatt.

Dies gold'ne Licht, dies laue Fächeln,
    Das lebenheuchelnd es umwirbt,
Ist nur das letzte, müde Lächeln
    Des Todeskranken, bevor er stirbt.

                  4.

Graue Nebelschleier wallen
    Über Berg und Wald herein,
Braune, dürre Blätter fallen
    Matt im trüben Abendschein.

Streust sie fühllos auf die Bahre
    Deiner Blumenkinder hin,
O Natur! — in jedem Jahre
    Lebensspend'rin, . . . Mörderin!

Werden, Blühen und Verblühen,
    Ewig wiederholtes Spiel,
Schaffens und Zerstörens Mühen —
    Wird es nimmer dir zuviel?

                  5.

Und wieder ist's Abend worden!
    Der Nebel rieselt fein,
Ein kalter Wind vom Norden
    Trieb mich in's Haus herein.

Unlustig, mit Geglose
    Das Holz brennt im Kamin,
Ich stiere, die Händ' im Schoße
    In's zischend Feuer hin.

Vor'm Fenster fliegt vorüber
    Der Heher mit krächzendem Schrei,
Die Welt wird trüb und trüber —
    Mir ist es einerlei!

Todessehnsucht

O trübe, hoffnungslose Zeit,
    Durch Feld und Flur zu gehen!
Die ganze Erde eingeschneit,
    Am Nebelhinmmel weit und breit
    Kein Stückchen Blau zu sehen!

Und Grabesstille ringsumher —
    Ein allgemein Verneinen
Des Lebens, kalt und freudenleer!
    Nur von den Bäumen tropft es schwer
    Wie unterdrücktes Weinen!

Wer sagt mir: darf ich wieder je
    Um Glück und Ruhe werben? —
Mir ist so bang, mir ist so weh' —
    Ich möcht' am liebsten in den Schnee
    Hinwerfen mich, und — sterben!

O einmal noch so froh zu sein

O einmal noch so froh zu sein,
    Wie ich als Knabe war!
In's Leben noch den Blick hinein
    So hoffnungsfrisch und klar!
Von Schuld und Leid noch unversehrt
    Das Herz — voll gläub'ger Scheu!
So lockend und begehrenswert
    Noch Alles, und so neu!

Die Zukunft noch so schön und groß,
    So unerreichbar fern!
Und jedes Haus — ein Feenschloß,
    Und jedes Licht — ein Stern!
O ahnungsreiches Kindheitglück!
    O goldener Zauberpfad! —
Vorbei! — es dreht sich nie zurück
    Das eilende Zeitenrad.

Die Jahre, die dahingerollt
    Auf meiner Lebensbahn —
Wenn ich von vorn beginnen sollt'
    Wohl anders fing' ich's an —
Ach! wie nur kam's, daß ihre Zahl
    So traumhaft mir entschwand? —
Zu Nichts zerronnen allzumal
    Gleich Schnee in hohler Hand! —

Sieh! draußen wirbeln Flocken schnell,
    Auf Weihnacht geht es zu;
Bald flammen Christbaumkerzen hell —
    Komm kleiner Liebling du! —
Laß schauen mich in die Augen dein
    So blau und unschuldklar! —
O Einmal noch so froh zu sein,
    Wie ich als Knabe war!

Gebannt

Hinein in's Leben möcht' ich greifen
    Mutvoll mit kecker, frischer Hand,
Mit Sturmeseile möcht' ich schweifen
    Von See zu See, von Land zu Land;
Doch überschreit' ich nicht die Schwelle,
    Es bleibt die Hand unausgestreckt —
Und also gleiche ich der Welle,
    Die immerdar die gleiche Stelle
    Denselben Stein am Ufer leckt.

Der Wille zaudert unentschlossen,
    Der Quell der Lieder ist versiegt,
Dieweil die ganze Welt verdrossen
    In trägen Schlafesbanden liegt;
Was ist's, das mit geheimnisvollen
    Gewalten sich entgegenstemmt,
Und all mein Denken, Sinnen, Wollen,
    Mein Fühlen, Streben, Können, Sollen
    Zurück in seinen Ursprung dämmt? —

O Geist des Lebens, Geist der Liebe!
    O Geist der Schönheit! weht heran!
Erschließet die verborg'nen Triebe,
    Von meiner Seele nehmt den Bann!
Daß ungenützt auf leiser Zehe
    Nicht schleich' von hinnen Tag um Tag,
Daß ich vom Neuen eure Nähe
    In Glück und Kummer, Lust und Wehe
    Beseligt, tätig ahnen mag!
 
Fragen

Was ist besser? nach der Fülle jeglichen Besitzes trachten?
Oder alle Erdengüter nicht des Wunsches würdig achten?

Was ist klüger? — zielbewußt, mit fester Hand das Steuer fassen?
Oder von des Schicksals Wellen, wie es kommt, sich treiben zu lassen?

Was ist weiser? Schmerz und Freude recht vom Grunde durchempfinden?
Oder immerdar gefühllos beide in der Brust verwinden?

Ach! es gibt nur eine Antwort, Fragender, auf deine Fragen:
Welche Wahl du triffst auch, jede wirst du sicherlich beklagen!

Aber hast du dich entschieden, sei nicht schwächlich, sei nicht feige!
Was du selber dir bereitet, trag' es mutig, duld' und schweige!

Sprüche und Epigramme

Daß Ihr doch immer mir vergällt,
   Was ich in Liedern fei're!
O gönnet mir doch meine Welt,
   Gern gönn' ich Euch die Eu're!

Mancher Gedanke kommt und geht, und scheint dir verloren;
Aber leise dereinst flicht er sich dir in's Gedicht.

Eines sag' ich dir in Eile:
Mit dem Witz hat's keine Not,
Tauch' in Gift nur deine Pfeile;
Aber tauch' sie nicht in Kot!

"Er spricht nicht schlecht; doch sagt er bloß,
Was ich mir selber schon gedacht" —
Frommt dir das Gold im Erdenschoß?
Den lob' ich, der's zu Tag gebracht!

Schenkst du den Menschen reinen Wein,
Gleich bist du roh und ungeschliffen,
Sie fühlen, ob grob dein Rock oder fein,
Und meinen, sie hätten dich begriffen.

Ein Ganzes können sie nimmer genießen,
Derweil sie selber zu zerstückt,
Es wird ein jeder Kranz zerrissen,
Und jede Blume wird zerpflückt.

Hast du Natur und Kunst genossen,
So sei beglückt und abgeschlossen
Bewahr' den Eindruck voll und rein;
Sprichst du davon erst mit den Leuten,
Wird jeder mäkeln d'ran und deuten,
Denn Jeder will ein Weiser sein!

              Ist's nicht zum lachen
              Wie all die Schwachen
              Sich mit den Kleinen
              Nun rasch vereinen!
Wozu? — den Mann recht klein zu machen,
Damit sie selber größer scheinen!

"Zwar Vernünft'ges; aber leider
Neues bringt er durchaus nichts vor"! —
Wechsle so oft du willst die Kleider,
Bleibst doch ewig der alte Tor!

Glaubt Ihr etwa, meine Lieder
Fielen mir im Traume ein? —
Jedes will gedichtet sein,
Keines schreibt sich selber nieder!

"Wohl reist' ich mit vergnügtem Sinn —
Ach! wüßt' ich nur, woher? wohin?" —

Was kümmert Anfang dich und Schluß?
Das Wandern selbst sei der Genuß!

Nennst du einen Schatz dein eigen,
Wolle sorglich ihn verstecken,
Nimmer ihn den Leuten zeigen: —
Unklug ist's, den Neid zu wecken!

Die Menschen üben doch Nachsicht immer
Zuletzt mit deinen Worten und Taten;
Aber Eines verzeih'n sie nimmer:
Daß du ihrer kannst entraten.

Wie? du forderst ein unsäglich
Großes Glück? — O sei zufrieden,
Wird dir nur kein unerträglich
Leid in diesem Sein beschieden!

Auch wo du grausam scheinst, wie bist du gut Natur!
Da du uns sterblich konntest schaffen nur
             Hast du mit einem Heer von Leiden
                 Entstellt die schöne Erde,
             Auf daß von ihr zu scheiden
                 Uns leichter werde!

Es hat in meines Leben Lauf
Gekränkt mich des Verkehrten viel,
Wofern ich Alles zählte auf —
Ich fände nimmer End' und Ziel.

Doch schmerzlichtiefer hat fürwahr
Mich nichts verdrossen, als zu seh'n:
Daß in der Welt die Besten gar,
Die Edelsten sich nicht versteh'n!

Noch Einmal, wann ich gestorben bin,
Möcht' ich zur Erde gelangen,
Mit frischem Mut, mit weiser'm Sinn
Mein Leben anzufangen.

"Und kämst du hundertmal auf die Welt —
O Tor! wenn dir Erfahrung fehlt',
Du lebtest dir zu Lust und Qual
Genau so, wie das erste Mal!"

Alte Briefe

Im wirren Durcheinander liegt vor mir
Ein Wust uralter Briefe — das Papier
Vergilbt und morsch, wie dürres Laub,
Das der Novembersturm zu Hauf' getrieben,
Die Schrift verblaßt — die Hände, die sie schrieben,
Zerfallen sind sie längst in Staub.

Mit Rührung fass' ich sie, mit Wehmut an
Ehrwürdige Blätter, so die Zeit geweiht,
Mit heil'ger Scheu. — Ist's wohlgetan
So räuberisch herumzuwühlen
Im Schatze von Gedanken und Gefühlen,
Die unter'm Siegel der Verschwiegenheit
Sich Freund und Freundin arglos anvertraut?
Ist's recht, daß in ihr innerstes Geschick
Mein unberufen dreister Blick
In ihre tiefsten Herzen schaut? —

Die Herzen selber freilich sind vermodert,
Und haben Ruhe sich erstritten;
Doch was sie ach! gerungen und gelitten:
Verzweiflung, Andacht, Sehnsucht, Liebe lodert
Gleich Flammen aus der Asche, wechselvoll
Aus diesen Zeilen noch, und heischt vom fremden Zeugen,
Des Augen sinnend sich darüber beugen,
Der Mitempfindung späten Zoll.

Vom fremden? Nein! sie alle, die gelebt,
Gehofft, gefürchtet, heiß nach Glück gestrebt,
Verknüpft ein unsichtbares Band
Den Lebenden, und denen, die auf Erden
Dereinsten leben — leiden werden.
So zürnt nicht, daß ich kühn mich unterwand,
Den Spuren Eures Daseins nachzugeh'n
Ihr Edlen! deren Geister in den bleichen
Buchstaben mich geheimnisvoll umweh'n!
Sie künden nichts, was ich nicht schon gewußt —
Denn ewig bleiben Freud' und Schmerz die gleichen
In jeder Menschenbrust!

So willst du noch Einmal verlockender Hauch

So willst du noch Einmal verlockender Hauch
    Des Lebens, das Herz mir betören? —
Balsamische Düfte entwallen dem Strauch,
    Der Blütenstaub fliegt von den Föhren;
Im Blättergeflüster, im Wipfelgebraus
                Erklingt es: Hinaus
    In die grüne, die goldene Freiheit!

In Saaten und Feldern, auf Wiese und Au
    Welch' schwellendes Wiegen und Wogen!
Hoch über die Berge im schimmernden Blau
    Die Wolken — sie kommen gezogen
Vom Süden fernher im beflügelten Lauf
                Und lösen sich auf
    In der Laue des Äthers voll Sehnsucht.

Und ist erst geschmolzen der silberne Schnee
    Auf Kuppen, in Schluchten und Klüften —
O Luft dann — am Wildbach, am träumenden See
    Die Schwingen der Seele zu lüften!
Auf ragendem Gipfel der Alpe zu steh'n
                Im schaffenden Weh'n
    Deines ewigen Atems o Weltgeist!