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Zweites Buch
 

Wanderlieder
An den Wildbach
Am Kaibler See
Aufstieg und Abstieg
Sommernacht im Gebirge
Berg und Tal
Venezia
An das Meer
Gruß an Italien

 
Sorrent
Strandbild
Chi sa?
Die Verschmähte

 

Wanderlieder


                  1.

Der Tag bricht an, vom Pfühle
    Aufspring' ich, und hinaus!
O duft'ge Morgenkühle!
    O munt'res Bachgebraus!

Die Vöglein schon sich regen,
    Der Wald hat ausgeträumt.
Wohlauf! dem Licht entgegen,
    Das rings die Gipfel säumt!

Mit mancher Krümmung ladet
    Die Straße mich bergan,
Wo Arnika sich badet
    Im Tau, und Baldrian.

Beim Kohlenwagen schreitet
    Der Fuhrmann pfeifend her,
Die Füße schnaubend spreitet
    Das Roß, es zieht gar schwer.

"Schön Wetter! — Guten Morgen"
    Er lüftet seinen Hut —
Und weiter ohne Sorgen
    Mit frischem Wandermut!


Nun steh' ich auf der Warte:
    Der erste Sonnenstrahl
Fällt über die Felsenscharte
    Goldrötlich just in's Tal.

Ihr Berge in der Runde!
    Ihr Lüfte, blau und rein!
Wenn ich zutiefst gesunde,
    Euch dank' ich's, Euch allein!

                  2.

So bin ich endlich wieder
    In meinem Element!
Die Berge auf und nieder,
    Entlastet alle Glieder,
    Die Seele ausgedehnt!

Wildbäche hör' ich tosen,
    Und Brettersägen geh'n,
Seh' Kohlenmeiler glosen,
    Und frische Alpenrosen
    In voller Blüte steh'n.


Und dürstet mich, so bücke
    Ich nieder mich zur Flut,
Auf einem Felsenstücke
    Da ruh' ich aus, und schmücke
    Mit Rosen mir den Hut.

Schau' in die weißen Klüfte,
    Hör', wie die Säge zischt,
Indes in blaue Lüfte
    Sich würzig das Gedüfte
    Des nahen Meilers mischt.

Dann geht es weiter wieder, —
    Das ist mein Element!
Die Berge auf und nieder,
    Entlastet alle Glieder,
    Die Seele ausgedehnt!


                  3.

Von hoher Ahnung froh geschwellt
    Stieg ich den Berg hinan,
Der Genius der Alpenwelt
    Er wies mir selbst die Bahn;
Die erste Rose brach er mir
    Mit zart-verweg'ner Hand
— O unvergänglichschöne Zier! —
    Von steiler Felsenwand.

Im Schwebetritte schwang sein Fuß
    Sich aufwärts leicht und kühn,
Wer hätte nicht im Hochgenuß
    Vergessen aller Müh'n!
Und wenn ich ja verschmachten wollt',
    Vom Sonnenbrand umloht —
So reicht' er mir mit Lächeln hold
    Erdbeeren süß und rot.


Rast hielten wir, wo frisch der Quell
    Hinfloß mit  Silberschwall,
Es netzte ihm die Schwingen hell
    Der Wasserschleierfall,
Der stäubend über Klippen schwoll
    Im leisen Riesellauf;
Er aber hüpfte anmutvoll,
    Als wär's ein Spiel, hinauf.

So wich der Tag, die Sternennacht
    Lud mich zum schwärmen ein,
Indessen er, getreu bewacht,
    Schlief in der Hütte klein,
Auf's duft'ge Lager hingestreckt
    In Träumen, elfenschön,
Bis ihn die heil'ge Frühe weckt',
    Und rief zu neuen Höh'n.


O selig wandern, gemsengleich,
    Von Stein zu Stein im Sprung!
O Einsamkeit! in deinem Reich
    Wird Herz und Seele jung!
Das nenn' ich einen vollen Trank,
    Eh' ich von dannen schied —
Du Geist der Alpen, habe Dank,
    Und nimm dies schlichte Lied!


An den Wildbach

Wie lange sah ich dich nicht wieder
    Freund meiner Jugend, schaumgekrönt!
Wie lange haben deine Lieder
    Mir nimmer in das Ohr getönt!

Noch braust in ihnen unbezwungen
    Derselbe Sturm, derselbe Drang,
Wie einstens er hervorgeklungen
    Aus meinem eigenen Gesang.

Noch nicht in sanften Mollakkorden
    Gebroch'nen Mutes ziehst du fort —
Träumst, noch nicht matt und zahm geworden,
    Von keinem stillen Ruheort.

Ich aber, den indes das Leben
    Herangereift in bitter'n Weh'n —
Ich kann dein leidenschaftlich Streben,
    Dein wildes Jagen nicht versteh'n.

Und wenn bei deinen Melodien
    Sehnsüchtig einst das Herz mir schwoll,
Erinnerungen ach! durchziehen
    Jetzt meine Seele wehmutvoll!

 
Am Kaibler See

                         1.

Von der Sonne geweckt, morgenfrisch
Liegst du vor mir, du stiller Bergsee!
Dein smaragdenes Rund, in kristall'ner Klarheit
Widerspiegelt's: des Himmels Lichtblau,
Kalkgipfel, geierumkreiste, und graue
Felswände, flücht'ger Gemsen Aufenthalt,
Schwarzgrüne Wälder, und Halden
Weißen Gerölls über der hochgemauerten,
Paßerklimmenden Straße,
Wo im tauenden Lenz die Lawine
Den Fuhrmann samt dem Gespann begräbt;
Widerspiegelt's den Kahn am Ufer,
Den fichtendurchwurzelten Steinblock,
Und des einsamen Wanderers Bild. —

O wer, wie du, stiller Bergsee
So rein und getreu in sich die Welt
Aufnähm' und zurückstrahlte! —
Ach! im Gedränge des Lebens
Ewig bewegt von Furcht und Hoffnung,
Nimmer von Wünschen frei — allzuselten
Gönnen wir uns den Genuß
Ruhiger, ernster Betrachtung!

Aber nun steh' ich lange, gebannt
Von deinem Zauber, du stiller Bergsee!
Und wie träumerisch sinnend mein Blick
Auf dem schimmernden Wasser ruht, ist mir's, als blickt' ich
Tief der Natur in's Auge, und lese
Drinnen bis auf den Grund ihr innerst Wesen,
Das da Eines mit meinem Geist ist, und im regen
Wellenspiele seiner Gedanken
Sich selbst bewußt wird und anschaut!

                         2.

Gott grüß' dich an des Tales Ende
    Du lieber, meiner Sehnsucht See!
Ein Herz, das nirgend Ruhe fände,
    Hier wär's geheilt von jedem Weh;
Die Sonne sinkt, Lichtnebel spinnen
    Sich schluchtenwärts, es rauscht der Bach,
Und gold'ne Bergeshäupter sinnen
    Dem ew'gen Schöpfungsrätsel nach.

Im Sande drüben liegt vergessen
    Ein Boot, kein Ruder noch dabei, —
Wer wäre auch so gar vermessen,
    Daß er die keusche Flut entweih',
Die leiseflüsternd, wie im Traume
    Den Felsenufersitz beleckt,
Wo dich im zauberstillen Raume
    Der eig'nen Lippe Laut erschreckt.

Horch! Niederklimmend vom Gehänge
    Gefleckter Ziegen bunte Schar —
O traut Geläute! Friedensklänge!
    Wie Kinderstimmen süß und klar!
Im Krummholz, unter Alpenrosen
    Steht auf dem Stab gelehnt der Hirt,
Und ruft der Herde, die mit losen
    Scherzsprüngen durch die Büsche irrt.

Bald wird es nachten, von der Weide
    Zur Tränke kommen Gems' und Reh;
Mich aber mahnt es, daß ich scheide
    Von dir, du meiner Sehnsucht See!
Leb' wohl! Wie manchmal werd' ich denken,
    Umwogt vom heißen Lebensstreit:
O könnt' ich meine Seele tränken
    In deiner hohen Einsamkeit!

Aufstieg und Abstieg

Wie klomm ich rasch den Berg hinan
    Voll Mut und Selbstvertrauen,
Da um den steilen Pfad begann
    Der Morgen kaum zu grauen!

Noch funkelten vom Himmelsraum
    Die Sterne schläfrig nieder,
Der Wald erwachte aus dem Traum
    Und schüttelte die Glieder.

Herauf zu mir klang Bachgebraus
    Vom Tal, wo Nebel flossen,
Und frisch und rüstig schritt ich aus
    Zur Höhe unverdrossen.

Den Bergstock setzt' ich kräftig ein —
    Schwang über Schründ' und Klüfte,
Mich über Schutt und Felsgestein
    Empor in rein're Lüfte.

Brach nebenbei mit Lust zumal
    Auch manche selt'ne Blüte,
Die im Geröll vom ersten Strahl
    Der Sonne rot erglühte.

Und wie ich endlich oben stand
    Auf hohem Alpenrücken —
Wie blickt' ich tief und weit in's Land
    Mit schwelgendem Entzücken! —

Doch jetzt, indes ich nieder sacht
    Schon steige viele Stunden,
Mir ist, als wäre all die Pracht
    Verwandelt und verschwunden.

Die Sonne sticht mich, schneidend weht
    Der Wind mir in den Nacken,
Wo's nah' vorbei am Abgrund geht
    Will mich der Schwindel packen.

Der kleinste Stein macht mir Verdruß
    Daran ich mit der Zehe
Anstoße, meinem müden Fuß
    Tut jede Wurzel wehe.

Und ob sich Fels und Wiesenhang
    Mit hundert Blumen schmücken —
Ich fühle nimmermehr den Drang
    Nach ihnen mich zu bücken.

O Aufstieg voll Begeisterung
    Zum Ziel des höchsten Strebens!
O Abstieg ohne Reiz und Schwung!
    Du Gleichnis unser's Lebens!

Sommernacht im Gebirge

So schön im Gebirg' ist die Sommernacht,
    Wenn die Wasser geheimnisvoll rauschen,
Und die Wälder von schwarzer Felsenwacht,
    Und die Sterne zu hellerer Glut entfacht
        Andächtig herunterlauschen!

Und wenn die Geister der Lieben all
    Die trauliche Stätte beschweben,
Wo einst wir mit fröhlichem Liederschall
    Erweckten den schlafenden Widerhall
        Beim funkelnden Safte der Reben.

Nein! länger nicht will ich so stumm und allein
    Die ländliche Stube durchmessen —
Zu Ende ging längst schon der purpurne Wein,
    Komm, lieblicher Schlummer, und schenke mir ein
          Den Labetrunk: süßes Vergessen!

Berg und Tal

Warum auch ließ es mich nicht ruh'n
    Im wohnlich trauten Haus! —
Da streck' ich von der Hütte nun
    Die müden Glieder aus! —
Und wie der letzte Tagesschein
    Verdämmert Strahl um Strahl,
Schleicht sachte mir in's Herz hinein
    Das Heimweh nach dem Tal.

O wär' die lange Nacht vorbei,
    Die schlummerlose Nacht!
Sternbilder steigen nach der Reih'
    Herauf in Funkelpracht;
Doch keines glänzt so wunderbar
    Im weiten Äthersaal,
Als wie ein holdes Augenpaar
    Dort unten tief im Tal.

Die lieben Augen — Schlaf umspinnt
    Sind längst, indessen hier
Ich wache, bis gemach zerrinnt
    Die lohe Himmelszier:
Zum Aufbruch! Schon im Osten graut
    Der Morgen bleich und fahl —
Wann wiederum der Abend taut —
    Heil mir! bin ich im Tal.

Ach! endlos zieht sich, endloslang
    Der Weg zum Gipfel hin!
Wo bist du, heißer Sterbedrang,
    Beschwingter Jugendsinn? —
Von Sorg' und Sehnsucht war so schwer
    Mein Herz nicht dazumal —
Die Berge lieb' ich; aber mehr
    Mein süßes Glück im Tal.

Noch liegt die halbe Welt im Traum,
    Von Schleiern zugedeckt,
Die Dohle kreischt am Wetterbaum,
    Von meinem Schritt erschreckt;
Die Alpenblumen sind verblüht,
    Gehäng und Wiese kahl —
Was tut's? — die schönste Rose glüht
    Entgegen mir im Tal.

O sieh! — der Sonne Purpurlicht
    Durchzuckt das Felsgestein! —
Doch fliegend hüllt mich grau und dicht
    Sogleich der Nebel ein; —
Wehrt neidisch er die Aussicht mir,
    Das macht mir keine Qual —
Find' ich den nächsten Pfad zu ihr
    Hinunter nur in's Tal.

Venezia

                          I.

Wie, wer da schlummernd einer Schönen
    Geliebtes Bild erblickt zur Nacht,
— Er hört ein süßes Liebestönen
    Noch lange, wann er aufgewacht,
Mit Augen möcht' er gerne sehen,
    Die er so hold im Träume sah: —
Vor Sehnsucht wollt' ich schon vergehen
    Nach dir, nach dir Venezia!

Es zog durch Tal und Felsenschluchten,
    Durch Ebenen mich mächtig hin —
Gegrüßt an deinen blauen Buchten
    Sirene! Inselkönigin!
Du Einzige, du Ohnegleiche,
    Soweit die Flut der Meere schwillt!
Dein Atem ist's, der laue, weiche,
    Der schmeichelnd mir entgegenquillt!

Ja! das ist der Lagunenwelle
    Geplätscher, das sich nie vergißt!
Das Goldlicht, das mit Zauberhelle
    Verklärend jeden Stein umfließt,
Das heiter-ernste, stille Sinnen,
    Das auf den Marmorstirnen thront
Verlassener Paläste, drinnen
    Erinnerung nur einsam wohnt!

Berückender noch im Verfalle
    Du schaumgeborne Wunderfee!
Als deine andern Schwestern alle,
    Sei's auf dem Festland, an der See!
Du, die mit Reizen, ewigjungen,
    Natur und Kunst wetteifernd schmückt,
Ob auch dein Diadem zersprungen,
    Und deiner Herrschaft Kranz zerpflückt!

Wie mich gemach die Gondel schaukelt
    Hinauf den flimmernden Kanal,
Auf sanft bewegter Fläche gaukelt
    Und leise bebt der Sonne Strahl, —
Indessen Bild um Bild zur Stunde
    Den trunk'nen Blick gefangen hält:
Mir ist, als würd' aus liebem Munde
    Ein prächtig Märchen mir erzählt!

                          II.

O linde Wärme! morgenfrisches Leben,
    Das wohlig mir durch alle Poren dringt!
Wie Silbermöwen ob den Fluten schweben
    So frei das Herz, der Geist so leicht beschwingt!

Nach Giorgio's Eiland, mit dem scharfen Kiele
    Durchschneidet meine Barke glatte Bahn,
Ausspring' ich, und zur Höh' des Campanile
    Auf dunklen Stufen steig' ich rasch hinan.

Welch' große Schau! — Tiefunten, mitteninnen
    Venezia in die Wellen hingebaut —
Von Häusern, Kirchen, Kuppeln, Türmen, Zinnen
    Ein bunt Gewimmel, ätherüberblaut!

Und rings, umbuhlt vom Flut- und Luftgekose,
    Wie Dienerinnen um die Majestät,
Wie grüne Blätter um die Wasserrose,
    Die Inselschar anmutig ausgesät!

Dazwischen lautlos schwarze Gondeln gleitend,
    Und stumme Furchen ziehend hin und her,
Und stolze Schiffe, weiße Segel spreitend,
    Und draußen ahnungsfern das off'ne Meer!

Nach welcher Seite sich das Auge wendet —
    Allüberall nur eitel Glanz und Licht!
Du schaust und staunst auf's Neue, und geblendet
    Kehrst du dich endlich ab — o nein — noch nicht!

Noch Einmal laß' es in die Runde schweifen
    Hinauf, hinab, nie müde, unbesiegt —
Bis zu dem schmalen, blassen Wolkenstreifen,
    Der dort auf den Friauler Alpen liegt!

Auf daß es — wann du heimwärts bist gezogen,
    Und dich der Nebel einhüllt grau und kalt —
Den Schimmer, den es dürstend eingesogen,
    Lebendig in der Seele widerstrahlt!

                          III.

Die Sonnenscheibe ist hinabgesunken
    Im gold'nen Westen glühend, purpurrot,
Es dämmert rings, durchstickt mit Sternenfunken,
    Umhüpft die dunkle Flut mein Segelboot.

An's Ufer wiegt mich eine sanfte Brise,
    Wo's flammenhell von hundert Lichtern tagt,
Wo der Palast des Dogen wie ein Riese
    Phantastisch zur azur'nen Wölbung ragt.

Auf der Piazetta, unter den Arkaden
    Des Markusplatzes, heiter, lebensfroh
Die Menge wogt, als wäre sie geladen
    Zu einem Fest gesamt — und ist's nicht so?

Ist's nicht ein Fest, sich abendlich zu baden
    In diesen Lüften, die balsamisch weh'n?
In diesen glanzumstrahlten Colonnaden,
    Auf diesem stolzen Platz sich zu ergeh'n?

Wo wäre so viel Pracht auf Einem Flecke
    Vereinigt sonst, und wo in aller Welt
Ein Prunksalon wie dieser, dem als Decke
    Sich ausspannt das gestirnte Himmelszelt?

Doch weil' ich nicht — es lockt ach! immer wieder
    In seine Nähe mich das Element,
Das unter'm Kuß der Nacht, die liebend nieder
    Sich beugt, wollüstig sich im Schlummer dehnt.

Wie Schatten seh' ich Gondeln sich bewegen,
    Im Mondesglitzerschein, traumredend lallt
Die Welle, unterdes von Ruderschlägen
    Ein schläfrig Echo fernherüber schallt.

O Auge, Ohr und Herz mit Zauberwonnen
    Umstrickendes, verwirklichtes Gedicht!
Was jemals Dichterphantasie ersonnen,
    Es reicht hinan zu deiner Schönheit nicht.

                          IV.

Auf dichtverschlung'nen Wasserpfaden,
    Im engen Gassenlabyrinth,
Durch das — als Ariadnefaden —
    Ein Sonnenstrahl sich manchmal spinnt,
Vom Geisterhauch entschwund'ner Zeiten
    Umweht, entrückt der Gegenwart,
Gemächlich-ruhig hinzugleiten —
    O seltsam wunderliche Fahrt!

Wenn auf den grünen, trüben Lachen
    Ein mattes Lüftchen seufzend streicht,
Und ernst und träg, wie Charons Nachen,
    Die Gondel ihres Weges schleicht —
Wie tönt an's Ohr befremdend eigen
    — So oft er um die Ecke biegt —
Des Schiffers Ruf, wo Todesschweigen
    Auf Häusern und Palästen liegt!

Wo sind die lauten Festgenossen,
    Die einst gingen aus und ein?
Das Tor, die Fenster dichtverschlossen,
    Die Ziegel bröckelnd, schwarz der Stein!
Geborsten klafft die Stufenschwelle,
    Und modernd und versinkend ragt
Davor der Holzpfahl, von der Welle,
    Der allgenäschigen benagt!

Kanäle, Campi, Brückenbogen —
    Zuweilen eines Gärtchens Raum,
Die Mauer epheuüberzogen
    Und der Lorbeerstrauch und Feigenbaum
Herüberlugend! In die Fluten
    Sinkt manch ein welkes Blatt entführt —
O dieses herbstliche Verbluten
    Wie wundersam es hier mich rührt!

Das ist mit ihrer Feierstille
    Lagunenstadt! — die Jahreszeit,
Die dir am besten ziemt, Sibylle,
    Beredte, der Vergänglichkeit!
Nicht in des Frühlings frischem Prangen,
    Nicht in des Sommers voller Pracht
Nimmst du so ganz den Sinn gefangen,
    Zeigst du so siegreich deine Macht!

Der Widerschein, der aus den Tagen,
    Da Liebe, Ruhm und Lebensmut
Zu allen Sternen dich getragen,
    Auf deinem Antlitz leuchtend ruht,
Ach! wehmutsüßer, inn'ger nimmer
    Ergreift er unser tiefst Gemüt,
Als wenn um ihn der letzte Schimmer
    Der sterbenden Natur noch glüht!

An das Meer

Feierlich schön und erhaben
Ist das Schweigen des Hochgebirgs.
    Wenn am stillen Alpensee
    Riesige Felsengipfel
    Purpurn angeglüht auftauchen
    In stummer Pracht
    Dem Auge des Wanderers; —
Aber feierlichschöner noch und erhabener
Ist dein Rauschen, womit du gewaltig
Dich ankündigst von weitem schon
    Ewiges Meer!

    Hauch der Unendlichkeit!
    O wie wonnig witternd
    Blähst und schwellst du
    Brust mir und Seele!
Gleich den schimmernden Segeln,
Die goldenen Länder des Südens
Schaukelnd entgegen sich wiegen
    Weit draußen
    Auf blauer Flut,
Wo keine Schranke der Sehnsucht wehrt!

Wogen auf Wogen gedrängt — fernher
Unter'm Siegesbogen des Himmels,
    Der von Strand zu Strande
    Strahlenglänzend sich ausspannt,
    Stürmen sie im Triumphzug,
Sich überstürzend und schäumend, und spülen
— Nimmer in ihrem Schoße
Dulden sie nichtigen Tand und Unrat —
Seegras und Algen und Muscheln
    Mir vor die Füße.

Also von Allem, was trüb und kleinlich
Drinnen sich regte, hoch aufwallend
Reinigt mein Herz sich in deiner Nähe
    Ewiges Meer!
Große Gefühle nur hegt es, und jauchzend
    Stimmt es, begeistert ein
    In dein rauschendes Freiheitslied.

Gruß an Italien

Sei wieder mir mit Wonne
    Gegrüßt Italia!
Im Glanz der Frühlingssonne
    Wie liegst du herrlich da
Ein duft'ger Blütengarten!
Ich konnt' es kaum erwarten,
    Daß ich dich wiedersah.

Vom Lebensborn, der heiter
    Mir rings entgegenquillt,
Wie wohlig weit und weiter
    Mir Brust und Seele schwillt!
Das ich in grauen Stunden
So oft nach dir empfunden —
    Das Heimweh ist gestillt.

Mein Geist — ob auch geboren
    Am kalten Alpenrand —
Hat dich zum Heim erkoren;
    Wo meine Wiege auch stand —
Ob Südens, Nordens Aue —
Wo ich die Schönheit schaue,
    Da ist mein Vaterland.

Sorrent

O Felsengestade, hochragender Strand
    Orangenumduftet Sorrent!
O lauschige Nacht, da sinnend ich stand
    Auf die Brüstung von Eisen gelehnt! —
Veratmende Wellen umplätschern sacht
    Zu Füßen die schattige Bucht,
Indessen des Mondes stillwachsende Pracht
    Beglänzte die schweigende Schlucht.

Hold grüßte durch ewige Räume der Stern
    Der Liebe, mit flimmerndem Licht,
Aufflackerte manchmal die Leuchte fern
    Am Turm, wo die Woge sich bricht;
Um dämmernde Inseln, um Klippe und Riff
    Schwoll ruhig die schlummernde See —
Ich träumte hinaus in die Flut, mich ergriff
    Ein süßes, ein wonniges Weh.

Es glitten die Bilder vergangener Zeit
    Vorüber mir, Freude und Pein
So geisterhaft, farblos und nebelweit,
    Wie Segel im Mondenschein;
Und was ich errungen, und was ich verlor,
    Und was ich gewünscht und erstrebt,
Es schwebte so seltsam befremdend mir vor,
    Als hätt' es ein And'rer gelebt.

Und über den Golf, über Berg und Tal,
    Flog heimwärts mein Denken zu dir;
Wie, als ich dich schaute zum letzten Mal,
    Du blühtest in lockiger Zier —
Und wie du mich ansahst so traulich und lieb,
    So innig mir drücktest die Hand,
Daß froh deiner Nähe ach! jeglicher Trieb
    Nach der winkenden Ferne verschwand!

Da las ich in deinem verweilenden Blick,
    Was Trost für die Zukunft verheißt,
Als schlänge um uns das versöhnte Geschick
    Ein Band her, das nimmer zerreißt;
Und war es nur Täuschung und hoff' ich zu viel —
    O laß mir den seligen Wahn,
Daß wieder gefunden ein lockendes Ziel
    Meines Lebens umirrender Kahn!

Ein Sein ohne Liebe! Wer trüge die Qual
    Hinfort im verwaisten Gemüt,
Dem ganz nicht erloschen der Hoffnung Fanal,
    Dem die Flamme der Jugend noch glüht!
O Genius, der du mir Küsten und Meer,
    Und hesperische Gärten enthüllst,
So zeige mir auch, wann zum Norden ich kehr',
    Die lieblichste Ahnung erfüllt! —

So träumt' ich dort einsam und was ich geträumt,
    In Lüften wird's weben und weh'n,
So lang' von der brausenden Brandung umschäumt,
    Die Felsen am Ufer noch steh'n!
O Zaubergestade, so oft und so bang,
    Zuletzt nicht vergebens ersehnt! —
Nachzittert es weich, wie Sirenengesang,
    Melodisch wie Lenzhauch: Sorrent!

Strandbild

Die Sonne geht zur Rüste, aus dunkler Wolkenwand,
Die letzten Strahlen sendet sie über Meer und Strand.
Am Cap der schlanke Leuchtturm, die Häuser in der Bucht
Erglänzen weiß, es dämmert im Schattenblau die Schlucht.

Weit draußen auf den Wellen, mit Segeln gelb und rot,
Tanzt schaukelnd auf und nieder manch' leichtes Fischerboot. —
Die rotbemützten Fischer, sie zogen all' hinaus,
In später, nächt'ger Stunde erst kehren sie nach Haus.

Indessen springt am Ufer die munt're Kinderschar
Im Kreis' herum — es flattert das schwarze Lockenhaar,
Die bunten Kleidchen fliegen im Winde hin und her —
Sie lachen, schreien, singen — dazwischen rauscht das Meer.

Im Sande sitzend stricken und flicken mit Geschwätz
Die Weiber und die Mütter das braune Maschennetz;
Zuweilen hebt sich Eine scheltend, und zerrt am Arm
Ein Knäblein oder Mägdlein im ausgelass'nen Schwarm.

Dort aber, wo vom Hauche der salz'gen See umweht,
Die kleine Steinkapelle auf grauem Felsen steht,
Zum Muttergottesbilde geneigt den blüh'nden Leib,
Kniet händefaltend, einsam ein junges Fischerweib,

Und betet — während lauter, in schäumend wilder Wut
Schlägt brandend an's Geklippe die purpurgraue Flut: —
Maria gnadenvolle! O du mein Hoffnungsstern!
Dich ruf' ich an, beschütze vor Sturm den Liebsten fern!

Chi sa?

Mein Junge, zieh' die Bretter
    Nur erst auf's Land herein,
Dann sag' mir: was für Wetter
    Meinst du, wird morgen sein?

Zum Himmel schlägt er guckend
    Die Augen auf, und spricht:
"Chi sa?" — Die Achseln zuckend
    Mit lächelndem Gesicht.

Schwarzäugiger Schifferjunge,
    Du bist ein Philosoph!
O was von deiner Zunge
    Für hohe Weisheit troff!

Was immer ich möchte fragen
    Die Weisesten fern und nah —
Sie könnten zur Antwort sagen
    Nichts Besseres, als:
"Chi sa?"

Die Verschmähte

Eine Rose warf ich in's brausende Meer,
    Eine duftige, blühende Rose,
An Sonnenküsse gewöhnt bisher,
    Und flüstender Lüfte Gekose.

Die hold am schwanken Zweige mit Lust
    Sich wiegte, vom Falter umgaukelt,
Auf wildaufwallender Wogenbrust
    Nun sah ich sie grausam geschaukelt.

Dann packte sie zornig der kalte Gott
    Mit seinen gewaltigen Armen
Und schleudert' an's Ufer — mir zum Spott —
    Die Zärtliche ohne Erbarmen.

O Bild meiner Liebe! O traurig Los!
    Die Täuschung, wie hart ich sie büße!
Mein Herz, es war ihm ein Spielzeug bloß,
    Er wirft es mir schnöd' vor die Füße!