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III.
Oden

1880-1890
 

Der Dichter
Germania
Austria
Ludwig der Bayer
Italien
Grillparzer
Das Drama
Auf den Tod einer . . .
Gambetta's Tod
Chaos
Arthur Schopenhauer

 


Der Dichter


Gebenedeites Los, das dem Dichter fällt,
Wenn er an seiner Zeit sich begeistern kann,
Wenn er, mit ihr in vollem Einklang,
Freudig die Seele verjauchzt im Liede!

Nicht bloß, daß dann ihm gerne die Mitwelt lauscht,
Daß sie des Lorbeers Schmuck um die Stirn ihm flicht:
Auch in der eig'nen Brust beglückt ihn
Tiefer Befriedigung reine Wonne.

Doch weh ihm, wenn er nicht die Empfindung teilt,
Die ringsum machtvoll Geister und Herzen treibt —
Wenn er inmitten lauten Jubels
Töne der Klage, des Vorwurfs anstimmt!

Nicht bloß, daß dann ihm nimmer die Mitwelt lauscht,
Daß sie statt Lorbeers Dornen zum Kranze reiht:
Ihn martert, so wie selbstverschuldet,
Auch in der eigenen Brust der Zwiespalt.

Vereinsamt fühlt er sich und beweint es still,
Obgleich sein Haupt oft trotzig und stolz sich hebt —
Und nur mit Widerstreben folgt er,
Blutenden Herzens, dem Wink des Genius.

Germania

O, wie liebt ich dich einst, jetzt so gewalt'ges Volk,
Als uneinig du noch träumtest von Einigung —
Und von Rotbarts Erwachen,
Der da still im Kyffhäuser schlief;

Als du gern noch gelauscht Liedern voll keuscher Glut,
Deinen Eichen verglichst fromm die german'sche Treu',
Und in leuchtender Reinheit
Deine Frau'n sich den Sinn bewahrt.

Damals freilich noch nicht schallte dein "Quos ego!"
Doch im Kreise der Welt übtest du stille Macht,
Denn aus tiefstem Gemüte
Wuchs dein Wesen und ganzes Sein.

Ob bespöttelt du auch wurdest als tatenlos:
Deinem Denken gereicht hat man die Palme stets,
Und ureigen erblühten
Deutsche Sitte und deutsche Kunst.

Sieghaft, drohenden Blicks, starrst du von Waffen nun,
Und Europa gehorcht, wenn du auch nicht befiehlst;
Deine grimmigsten Feinde,
Niederhält sie die bleiche Furcht.

Ja, man fürchtet und preist weithin des Reiches Macht,
Doch man beugt sich nicht mehr willig dem deutschen Geist —
Und wer preist noch — du selbst nicht! —
Deutsche Liebe und deutsches Herz?

Austria

Trauernd senk' ich das Haupt, o du mein Österreich,
Seh' ich, wie du gemach jetzt zu zerfallen drohst,
Vom unendlichen Reiche
Karls des fünften der letzte Rest.

Zwar die Schwingen noch stolz spreitet der Doppelaar,
Und in Schönheit wie einst strahlt deiner Länder Pracht:
Doch dein altes Gefüge
Lockert störrisch sich mehr und mehr.

Freilich, niemals ein Volk war deiner Völker Schar,
Niemals warst du für sie wirklich ein Vaterland:
Österreicher im Herzen
Fühlte stets sich der Deutsche nur.

Aber schwindest du hin, schwindet was einzig war,
Und ein farbiger Strauß fällt von Europas Brust;
In der Vielheit ein Ganzes,
Hast du blühend sie lang geschmückt.

Was du lässig versäumt, was du verschuldet auch:
Edel warst du doch stets, o du mein Österreich —
Und nun willst du vernichten
Mit dir selber im Kampf dich selbst? . . .

Ludwig der Bayer

In ihm hatte der Zeit irrender Schönheitssinn
Seinen Gipfel erreicht: ihre Entartung stieß
Den unglücklichen König
Von den Höhen des Throns hinab.

Früh schon, schwärmenden Sinns, war er Mäzen der Kunst,
Zu umfassen sie ganz, glühte sein junges Herz;
Schönheit fordernd von Allem,
Wies er selber die Schönheit auf.

Doch phantastisches Bild ward ihm das Leben so,
Niemals sah er den Tag, stets nur bengal'sches Licht;
Das Gekünstelte reizte —
Und auch endlich die Unnatur.

Niemals blühten für ihn Veilchen und Primeln auf,
Niemals hat er gelauscht jubelndem Lerchensang:
Nur in mystischen Tönen
Kreiste Lohengrins Schwan um ihn.

Mehr und mehr in sich selbst schwelgt' er mit krankem Geist,
Einsam brütend durchschritt er seiner Schlösser Prunk,
Um in Spiegelgemächern
Zu vergöttern das eig'ne Bild.

Und da kam auch heran plötzlich der grause Schluß . . .
Wer noch würfe den Stein nach in den Starnbergsee?
Doch die Träne der Liebe
Hat kein Auge um ihn geweint.

Italien

Jetzt, da die Welt an des Jahrhunderts Wende,
Dem Erhabenen feind, sich gänzlich hingibt
Platter Gegenwart und Vergang'nes abweist
Schnöd mit Verachtung;

Jetzt; da der nord'sche Fyòrd des Südens Golfe
Aufwiegt — und selbst die Kunst nicht mehr in gläub'ger
Andacht hinstrebt zu den Gebilden deiner
Göttlichen Meister:

Jetzt, o Italien! faßt mich tiefe Sehnsucht
Nach dem sonnigen Adel deiner Landschaft,
Nach Zypressenwipfeln und nach umbüschten
Blinkenden Marmor.

Wieder an meerbespülten Stufen möcht' ich,
Halbversunk'nes Venedig, landen — möcht' auf-
schimmern sehn im Strahle des Tags San Marco
Und die Salute.

Oder Florenz, vor deinem Dome weilen,
Herz und Sinn mir erheben an der alten
Stadtpaläste Kraft — und im lichten Grabbau
Der Medicäer.

Einmal auch noch in Rom geweihte Trümmer
Mit ehrfürchtigem Pilgerfuß beschreiten,
Still Sankt Peters Kuppel bewundern und die
Weite Campagna!

Denn, o Italien, selbst ergriffen bist du
Schon vom Zuge der Zeit, und kaum noch schonst du
Um des Schaugelds klingenden Pfennig deine
Heiligsten Reste.

Grillparzer

Aufragt jetzt sein Denkmal im Laubgehege,
Das er oft durchschritten gedankengramvoll,
Einsam in dem Straßengewühl der Stadt — und
Einsam im Grünen.

Damals war der Garten noch schlicht und prunklos,
Schatten gab er wenigem Volk nur, das sich
Fernab hielt den Höh'n der Bastei und jenem
Schmuckeren Gärtchen,

Wo sich schöne Frau'n und gezierte Dandys
Äugelnd fanden und bei Musik im Rundgang
Plaudernd schritten, oder vergnüglich Fruchteis
Schlürften und Kaffee.

Unten aber wipfelumdunkelt, saßen
Stumpfen Sinnes strickende Weiber, dralle
Mägde, Wickelkinder betreuend, neben
Hüstelnden Greisen.

Abseits, auf den Stufen des Theseustempels,
Tollten schlecht gehütete Rangen, furchtlos
Vor des Wächters drohendem Stäbchen, das sich
Niemals bewährte.

Ja, das schien wahrhaftig der Ort für den schon
Halb vergess'nen Dichter der Sappho, der sein
Undankbares Vaterland leid- und schmerzvoll
Liebte wie Keiner.

Ungleich seinem mächtigen Zeitgenossen,
Der da trotz'gen Mutes der Welt nur hinwarf,
Was in Tönen er stolz geschaffen, achtlos
Lobes und Tadels:

Ward mit jedem Tag der Verkennung langsam,
Tropfenweis verbittert das Herz ihm — und so
Floh er menschenscheu aus dem Treiben zu dem
Zwiespalt im Busen.

D'rum wünscht' ich nimmer als Bild so frei ihn
Hingestellt der glotzenden Neugier und dem
Seichten, selbstgefälligen Spruche wohlfeil
Preisender Schwätzer.

Nicht umgeben — sichtbar wie auf dem Jahrmarkt —
Von den Lichtgestalten, die fast verschämt er
Freigab aus den Tiefen der Seele, stets noch
Zögernden Geistes:

Nein, abseits vom Pfade, vereinsamt jetzt auch,
Abgewandt mit traurig gesenktem Haupte,
Aufgesucht von Wenigen nur im Schatten
Hoher Gebüsche.

Das Drama

So will vollziehen jetzt sich dein Untergang,
Erhab'nes Drama, das du erschüttert hast
Die Herzen und im Geist getragen
Über sich selber hinaus die Menschheit!

Ein Dorn im Aug' ja warst du den Männern längst,
Die schnöden Machtworts herrschen im Bühnenreich,
Zu gern nur ließen verhallen
Jamb'schen Kothurnschritt vor lahmer Prosa.

Nun freilich: ewig dauert auf Erden nichts,
Das Größte selbst, es sinkt und zerfällt in Staub —
So folgst auch du den hohen Meistern,
Die dich geschaffen, gemach im Tode.

Doch deshalb glaub' nicht, lärmende Knabenschar,
Die du verheißend jetzt auf den Schauplatz trittst,
Daß du nach eig'nem Sinn gestaltest,
Was der Jahrhunderte Werk ersetze.

Was ausgelebt sich, nimmer erneuert sich's mehr,
Denn nicht der Inhalt, sondern die Form bedingt —
Und im Formlosen schwanken eu're
Zwittergeschöpfe, nach Dasein ringend.

Ob sie die Zeit auch, die sie verlangt, beklatscht:
Die nächste tritt sie nieder erbarmungslos,
Und der Zersetzung ekler Mißduft,
Heute schon schwebt er als Qualm herüber,

Zwar rufen könnt ihr: "Es sind gefallen auch
Die Hochgestalten!" Doch sie verwesen nicht.
Sie ruhen still in ihren Grüften,
Mälig versteinernd zu blankem Marmor.

Auf den Tod einer jungen Schauspielerin

Wieder verkörpert hast du sinnig all die
Holden Mädchengestalten deutschen Dramas:
Gretchen, Luise, Thekla, Melitta und Kleist's
Käthchen von Heilbronn.

Aber veraltet damals schon erschienen
Echter Weiblichkeit sanfte Typen, weil sie,
Tief empfunden, nur zur Empfindung sprechen
Und zum Verstand nicht.

Ja, in der Tat, gelehrig schon für Ibsen's
Nora zeigte man sich — und vorbereitet
Auf das spät're Dichtergeschlecht, daß jetzt bloß
Mit dem Gehirn schafft.

Und da verschrob'nen Sinn des Herzens Einfalt
Stets anwidert, erschien dein Spiel bald geistlos,
Geistlos wardst gescholten du selbst — und auch dein
Liebliches Antlitz.

Tückischen Lächelns sah man, wie du jeder
Niedrig schlauen Berechnung bar, dich hingabst —
Wie du dulden mußtest die Qualen töricht
Sündiger Liebe.

Also verfehmt, schutzlos, vom Bühnenneide,
Und vom Kritikerhochmut stets mißhandelt,
Brach in der erschöpften, der wunden Brust auch
Endlich das Herz dir. —

Längst schon vermodert bist du und vergessen —
Selbst von Jenen, die dir das Grab gegraben,
Und fortlebst du nur in vergilbten Bildern
Des Photographen.

Gambetta's Tod
1888

So ward verkündet von dem elektrischen
Draht der erstaunten Mitwelt die Kunde jetzt,
Daß der kurznackige Diktator
Frankreichs erlegen des Todes Allmacht!

Er, der vor Jahren mit der Verzweiflung Mut
German'schem Siegeslauf sich entgegenwarf —
Und in der Republik gefeiert
Lauter und lauter des Worts Triumphe:

Ungleich der Fackel, die da dem Sturme trotzt —
Wie Kerzenlicht bei plötzlichem Hauch der Luft
Erlosch er, und bestürztes Flüstern
Geht durch des Nachrufs Posaunenstöße.

Frug man wie immer doch an der Seine gleich:
Qù est la femme? Wahrlich sie fehlt auch nicht —
Und sie beweist, wie schwer der Jetztzeit
Männer die Freuden der Liebe büßen.

Denn nicht allein, daß auch das moderne Weib
Mit welkem Reiz noch auf seinem Schein besteht,
Wie Shylock einst, und sinnlos fordert
Von dem Vergänglichsten ew'ge Dauer:

Es haßt in tiefster Brust auch des Mannes Ruhm,
Weil es ihm heimlich schon für sich selbst begehrt —
Und so als doppelt grimme Feindin
Greift er vernichtend nach dem Revolver.

Chaos

Was Gut und Böse, hatte die Welt erkannt
In Unbewußtheit, ob sie verdammt auch oft
Vorschnell — und vorschnell auch gerichtet,
Noch nicht erfassend der Wurzeln tiefste.

Ja, hart und grausam war des Gesetzes Spruch,
Am schwersten traf er immer die halbe Schuld:
Doch aufgerichtet war für Jeden
Warnend die Schranke des Unerlaubten.

Längst unterwühlt schon von der Zersetzung Macht,
Hinsinkt sie jetzt, und wirr in einander wogt
Das lang Getrennte —fließen plötzlich
Laster und Tugend in Eins zusammen.

Was Recht! Was Unrecht! Schwelgend im Größenwahn,
Auf Höh'n des Geistes ruft es der Übermensch —
Was Recht! Was Unrecht! Droh'ndes Blickes
Grunzt es im Schlamme der Untermensch nach.

Ratlos wie einst nur, in des Gewissens Qual,
Verurteilt selbst sich immer der Ärmste noch,
In dessen Brust voll banger Zweifel,
Menschlich empfindend, ein Menschenherz schlägt.

Arthur Schopenhauer

                                            
"Veritas odium parit."

Noch immer hüllt sich, den sonst der Tod versöhnt,
Der Neid in Schweigen, gilt es zu preisen dich,
Und unverjährt bewirft mit Steinen
Haß noch dein menschliches Teil im Grabe.

Noch immer fallen treulos und undankbar
Von dir die Geister ab, die du groß gesäugt:
Um nicht zu heißen deine Schüler,
Kehren dem Meister sie frech den Rücken.

Doch still auch flüchtet immer zu dir noch hin
Das Leid der Edlen, seg'nen Befreite dich,
Die du empor geführt im Leben
Zu der Erkenntnis erhab'nem Gipfel.

Und wenn die Menschheit, endlich zurückgebracht
Vom letzten Irrwahn, schauernd am Abgrund steht:
Dann zittert auch vielleicht dein Name
So wie Erlösung auf allen Lippen.