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Das Tändeln, Spielen, Singen, Scherzen,
Wer räumt' es nicht den Dichtern ein?
Ist's doch ein Vorrecht ihrer Herzen,
So lang', als möglich, Kind zu sein!

 
VI.
Tändeleien, Reimspiele

 
Bescheidener Zauber
Ohne Liebe — keine Lust
Heute mir, morgen dir
Des Sängers Abschied
Das A B C der Liebe
Lenzfragen
Die Elemente der Liebe
Schmiedlied
Das Einmaleins der Liebe
A. E. I. O. U.
Echo
Ständchen
Sicilianen
Sonette
Überschriften

Bescheidener Zauber

Könnt' ich zaubern, süßes Mädchen,
Ach! dann wär' es wohlbestellt!
Keine Throne, keine Schätze,
Keine schönre, beßre Welt!
Nur ein Haus, umrankt von Reben,
Rosenstrauch und Silberflut,
Und dazu ein freies Leben, —
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu ein eignes Häuschen,
Silberflut und Rosenstrauch?
So ein stilles, unbelauschtes,
Trautes Stübchen tät' es auch!
Ruht sich's gleich ein wenig härter,
Liebe fragt nicht, wo sie ruht; —
Armen ist der Reichtum weiter,—
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu ein eignes' Stübchen,
Das vor Lauschern uns bewacht?
Hat man nur sein eignes Liebchen,
Hat man nur die Gunst der Nacht!
Rosenlauben, Fliederhecken
Dienen uns zur sichren Hut:
Liebe weiß sich zu verstecken, —
Könnt' ich zaubern, dann wär's gut!

Doch wozu das Alles, Alles?
Weit bescheidner zaubert' ich!
Könnt' ich zaubern, süßes Mädchen,
Dann umschläng' und küßt' ich dich;
Und der kurzen Küsse kleinen,
Bald verschwundenen Genuß
Schuf ich zaubernd um in — Einen,
Aber — einen ew'gen Kuß!

Ohne Liebe — keine Lust

Tausend Blumen sprossen wieder,
Und der Lenz ist aufgewacht,
Seine Freuden tauen nieder,
Alles blüht und Alles lacht.
Aber ach! die alten Schmerzen
Füllen mir die bange Brust:
Winter ist's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend milde Strahlen wärmen
Blatt und Knospe, Saat und Keim,
Quellen rieseln, Bienen schwärmen,
Und die Schwalben kehren heim.
Aber ach: kein süßes Scherzen
Schmelzt das Eis der bangen Brust:
Keine Glut im öden Herzen,—
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend helle Sterne flimmern
Hoch am blauen Himmelszelt,
Leuchten hold mit sanftem Schimmern
Süßen Trost der müden Welt.
Aber ach! wie Totenkerzen
Flackern sie der bangen Brust:
Dunkel bleibt's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!

Tausend frohe Kehlen singen
Laut der Freud' ein Jubellied,
Goldne Wonnebecher klingen,
Jede Sorg' und Klag' entflieht.
Aber ach! wie Ruf der Schmerzen
Klingt ihr Schall der bangen Brust:
Stille bleibt's im öden Herzen, —
Ohne Liebe — keine Lust!

Heute mir, morgen dir!

Wenn mit ihren Rosenarmen
Mich an's Herz die Liebe schließt,
Und mir segnend voll Erbarmen
Öl in jede Wunde gießt;
Dann, o Bruder, keine Klage,
Lacht sie dir nicht so, wie mir:
Wechsel wägt auf ihrer Wage, —
Heute mir und morgen dir!

Wenn mich oft mein Blick nach oben
Unbewußt ein Lied gelehrt,
Und sie mich um etwas loben,
Wo ich mir kein Lob begehrt;
Laßt euch, Brüder, das nicht schmerzen,
Lohnt man euch nicht so, wie mir:
Leicht beweglich sind die Herzen,—
Heute mir und morgen dir!

Wenn ich sanft gegängelt heute
An des Frohsinns Blumnenband,
Was er mir an Rosen streute,
Sammle mit geschäft'ger Hand;
Seht nicht scheel auf meinen Segen,
Blüht er euch nicht so, wie mir:
Freude trifft man unterwegen, —
Heute mir und morgen dir!

Wenn sich aber welk von Trauer
Meines Lebens Blume senkt,
Wenn ein kalter Regenschauer
Meine Blüten eisig tränkt;
Rühme dann mit bösem Munde
Nicht dein Glück im Leide mir:
Kinder sind sie einer Stunde, —
Heute mir und morgen dir! —

Wenn von Ader einst zu Ader
Mir der letzte Schlummer schleicht,
Freunde dann mir ohne Hader
Nochmal warm die Hand gereicht!
Laßt mich ohne Groll von hinnen.
Dünkt euch nicht zu sicher hier:
Euer Sand muß auch verrinnen, —
Heute mir und morgen dir!

Des Sängers Abschied

Fort vom heimischen Strande,
Fort zur einsamen Ferne,
Fort von dir, o Geliebte,
Rufen mich feindliche Sterne!
Aber in deiner Nähe
Laß ich mein Glück, mein Leben:
Du bist mein Ziel, mein Streben,
Du meine Hoffnung allein!
Bei dir bleibt meine Liebe,
Holde, — gedenke mein!

Mögen Berge uns trennen,
Mögen Flüsse uns scheiden,
Herzen, welche sich lieben,
Trotzen der Trennung Leiden!
Denn die Gefühle wandeln
Hin über Berg' und Flüsse,
Schicken sich Küss' und Grüße,
Finden im Herzen sich ein!
Bei dir bleibt meine Liebe, —
Holde, — gedenke mein!

Wenn in heiteren Nächten
Hell die Sterne mir blinken,
Wird aus flimmernden Sternen
Sanft dein Bildnis mir winken!
Dich nennt jegliche Quelle,
Dich das Säuseln der Wälder,
Jedes Blümchen der Felder
Blüht nur dich mir allein!
Bei dir bleibt meine Liebe, —
Holde, gedenke mein! —

Wenn am einsamen Strande
Einst die Lieder verklungen,
Wenn die Harfe verstummte,
Weil die Saiten gesprungen;
Dann wird ein West dir sagen:
"Still ist dein treuer Sänger,
Denn er ertrug's nicht länger,
Sehnend erlag er der Pein!
Bei dir blieb seine Liebe, —
Holde, gedenke sein!"

Das ABC der Liebe

A, B, C, D,
Wonniges Weh'!
Lieben ist Seligkeit,
Lieben ist Herzeleid!
Lust, wenn ich bei dir steh',
Schmerz, wenn ich geh', —
(A, B, C, D,
Wonniges Weh'!)

E, F, G, H,
Ewig dir nah',
Hangend an deinem Blick,
Fühlt' ich des Himmels Glück
Schon auf der Erde da,
Seit ich dich sah!
(E, F, G, H,
Ewig dir nah'!)

I, K und L,
O wie so schnell
Schwinden die Stunden hin;
Kind, wenn ich bei dir bin,
Strömt mir der Freude Quell
Ach! gar so hell!
(I, K und L
Ach! gar so hell!)

M, N und O,
Heiter und froh,
Spielend im Sonnenglanz
Hüpft' ich den Lebenstanz;
Nun ist's oft nicht mehr so
Heiter und froh!
(M, N und O, —
Ach wär's noch so!).

P, Q und R,
Erst noch mein Herr,
Sink' ich als Sklave hin
Vor der Gebieterin!
Frei bin ich nimmermehr,
O wie so schwer!
(P, Q und R,
O das ist schwer!)

S, T und U,
Bleib' mir nur du!
Wenn mir dein Auge strahlt,
Glühend mir Liebe malt,
Dann winkt die süße Ruh'
Lohnend mir zu!
(S, T und U,
Dann winkt mir Ruh'!)

V, W und X,
Froh des Geschick's,
Das mir dein Herz verschrieb,
Nenn' ich das Leben lieb;
Nahe dir heit'ren Blick's,
Sicher des Glücks!
(V, W und X,
Sehnenden Blick's!)

Ypsilon, Zett,
Nun geh' zu Bett'!
Nimmer entzieh ich dir
Länger den Schlummer hier!
Träumst wohl von mir, — ich wett', —
O geh' zu Bett'!
(Ypsilon, Zett!
Glückliches Bett!)

Lenzfragen

Was macht den Lenz? — Die Blumen?
O nein, o nein, o nein!
Die Blumen machen ihn nicht aus,
Ich habe deren viel zu Haus,
Der Blumen viele schön und licht; —
Und habe doch den Frühling nicht!

Was macht den Lenz? — Die Sonne?
O nein, o nein, o nein!
Wie schaut der liebe Sonnenschein
Nicht oft im Winter hell herein,
Und wärmt und strahlt und spielt und malt,
Das Herz im Leib ist gleichwohl kalt!

Was macht den Lenz? — Die Bläue? —
O nein, o nein, o nein!
Und wirft der Himmel noch so blau
Sein liebes Aug auf Strom und Au,
So wall' ich doch oft trüb daher,
Als ob es tief im Winter wär'.

Was macht den Lenz? — Die Liebe?
Jawohl, — die Lieb' allein!
Die Liebe, die mit Freud' und Scherz
Erfüllt der Welten großes Herz,
Die Liebe schwellt mit ihrem Hauch
Das kleine Herz des Menschen auch!

Die Elemente der Liebe

Vier Elemente rufen
Die Welt der Lieb' an's Licht,
Und was sie göttlich schufen,
Vergeht hienieden nicht.

Die Augen sind das — Feuer,
Das Liebe weckt und nährt,
Und wärmer stets und treuer
Sie spiegelt, sie verklärt.

Die Luft, — der Hauch der Liebe,
Sind Seufzer, still und leis,
Durch die sie ihre Triebe
So sanft zu lindern weiß.

Das Wasser — sind die Tränen,
Ein Quell, der nie versiegt,
Der wechselnd Lust und Sehnen,
Auf seinen Wellen wiegt.

Das Herz, das ist — die Erde,
Worin sie Wurzeln schlägt,
Und Jubel und Beschwerde,
Als ihren Reichtum hegt.

Das Herz — es ist die Erde,
Worauf die Liebe lebt,
Das Herz — es ist die Erde,
Worein man sie — begräbt!

Schmiedlied

(Zum Amboß)

Wenn wir am frühen Morgen
Schon hämmern drauf und dran,
So schläft noch ohne Sorgen
Das Liebchen nebenan.
(Da bringt man ihm im Liede
Den Morgengruß nach Brauch:
Und pocht es in der Schmiede,
So pocht's im Herzen auch!)

Ein Handwerk ohne Liebe
Das wär' ein traurig Sein,
Wenn so kein Bild uns bliebe,
Das winkt mit goldnem Schein.
(Es lindert die Beschwerde
Mit sanftem Friedenshauch:
Und brennt es auf dem Herde,
So brennt's im Herzen auch!)

Nicht immer bleibt es heiter,
Oft wird der Himmel trüb,
Wir hämmern fröhlich weiter,
Weil uns die Hoffnung blieb.
(Denn dünkt uns gleich die Kammer
Recht traurig manchen Tag,
So übertäubt der Hammer
Des Herzens bangen Schlag!)

Drum soll die Liebe leben
Seid frisch und froh zur Hand;
Nur Fleiß und Frohsinn weben
Des Glückes dauernd Band.
(Weil noch die Wange blühet.
Führt schnell die Meistrin ein:
So lang das Eisen glühet,
Will's auch geschmiedet sein!)

Das Einmaleins der Liebe

Einmal 1 ist 1!
Gib dein Herzchen mir für meins,
Und ich bin den Tausch zufrieden,
Bin der reichste Mann hienieden:
Gib, o gib dein Herz für meins!
(1mal 1 ist 1!)

Einmal 2 ist 2!
Aber bleib' mir dann auch treu!
Treue weht, wie Westes Kosen,
Um der Liebe zarte Rosen,
Darum bleib', o bleib' auch treu!
(1mal 2 ist 2!)

Einmal 3 ist 3!
Ewig bleibt dein Bild mir neu!
Täglich neues Hochentzücken
Lächelt mir aus deinen Blicken,
Täglich ist dein Bild mir neu!
(1mal 3 ist 3!)

Einmal 4 ist 4!
Ich bei dir und du bei mir,
So nur ist's ein wahres Leben:
Dort auch mag's kein schön'res geben,
Denn mein Himmel ist bei dir!
(1mal 4 ist 4!)

Einmal 5 ist 5!
Was verschlägt uns Hohn und Schimpf?
Laß sie spötteln, laß sie lachen,
Arm kann uns doch Niemand machen;
Lieb' ist reich, doch arm der Schimpf!
(1mal 5 ist 5!)

Einmal 6 ist 6!
Eifersucht, du Giftgewächs!
Ranke dich um andre Seelen,
Unsre sollst du nimmer quälen,
Eifersucht, du Giftgewächs:
(1mal 6 ist 6!)

Einmal 7 ist 7!
Losungswort sei: Leben, Lieben!
Freundlich reiche bis zum Ende
Sich dies Paar die Schwesterhände!
Unsre Losung: Leben, Lieben!
(1mal 7 ist 7!)

Einmal 8 ist 8!
Bild, das liebevoll mir lacht,
Du begleitest mild und labend,
Mich vom Morgen bis zum Abend,
Du umschwebst mich noch bei Nacht!
(1mal 8 ist 8!)

Einmal 9 ist 9!
Sieh', schon winkt des Mondes Schein
Weißt du noch, bei seinem Strahle
Schworst du mir zum ersten Male!
Laß den Schwur erneuert sein!
(1mal 9 ist 9!)

Einmal 10 ist 10!
Wann soll ich dich wiederseh'n?
Morgen, wenn die Sternlein blinken,
Wird wohl auch mein Stern mir winken!
Drum leb' wohl, — auf Wiederseh'n!
(1mal 10 ist 10!)

A. E. I. O. U.

Als ich sie sah zum ersten Mal,
Ach! welche Wonne, welche Qual!
An ihr allein hing all' mein Sein,
All' mein Gefühl an ihr allein.

Es gibt dafür nicht Klang, nicht Bild,
Es ist kein Wort so warm, so mild!
Ein Ideal aus Himmelshöh'n
Erscheint uns oft im Traum so schön!

Ich fühl' es tief am süßen Schmerz,
Ihr Zauber traf mein junges Herz;
In meiner Brust durchstürmtem Haus
Ist's mit dem Frieden nun wohl aus!

Oft ruf ich laut, von Lust entbrannt;
O selig Los, daß ich sie fand!
Oft seufz' ich bang, vom Schmerz gedrückt:
O hätt' ich sie doch nie erblickt!

Und so beherrscht bald Schmerz, bald Lust,
Unwiderstehlich meine Brust;
Und ist's auch hart und ist's auch schwer,
Um keine Welt doch gäb ich's her!

Echo

Wo bist du bin, du goldner Frieden,
Den einst der Glaube mir beschieden? —
Und Hain und Flur ruft mir zurück:
"Geschieden!"
Verrauscht des Glaubens stilles Glück,
Mein Glück!

Wo bist du hin, du selig Bangen,
Als noch die Liebe mich umfangen? —
Und leer und öde klagt die Brust:
"Vergangen!"
Vergangen ach! der Liebe Lust,
Die Lust!

Wo bist du hin, du Hoffnungsfunken,
Den ich einst nährte wonnetrunken? —
Mir sagt mein banger, trüber Sinn:
"Versunken!"
Die schöne Hoffnung ach! dahin,
Dahin! —

Was mich so gläubig einst umschlungen,
Mir Lieb' und Hoffnung vorgesungen,
Ich ruf ihm nach, von Sehnsucht schwer:
"Verklungen!" —
Und such' und find' es ach! nicht mehr, —
Nicht mehr! — —

Ständchen

Wenn so hold und rein
Der Sterne Schein
Mir winket,
Und die stille Nacht
Die Lauscher müde macht;
Und wo Liebchen wohnt,
Der Mond
Am Fenster blinket,
Und sie lächelnd geht,
Und still die Klinke dreht:
Ach dann ringt in meinem Herzen
Lust mit Bangen, Freud' mit Leid!
Sind es Wonnen, sind es Schmerzen?
Mit mir selbst bin ich entzweit!
Alles Müh'n ist vergebens,
Alles stürmt, wie im Lauf;
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf? —

Wenn wir Wort und Gruß
Und Druck und Kuß
Dann tauschen,
Wie ein Traum zerfällt
Vor uns die ganze Welt;
Mag versteckt und still,
Wer will,
Uns dann belauschen, —
Ach für uns ist ja
Das eigne Glück nur da!
Dann ist Alles rings verschwunden,
Nur die Liebe wirkt und webt;
Nur gefühlt wird, nur empfunden,
Nur geliebt wird, nur gelebt!
Alles Müh'n ist vergebens,
Alles stürmt, wie im Lauf;
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf? —

Und Gemüt und Herz
Genest von Schmerz
Und Trauer,
Und mit neuer Glut
Beseelt sich unser Mut;
Und es pocht die Brust
Vor Lust
Und süßem Schauer,
Und der Mond so klar
Bescheint ein glücklich Paar.
Mag für lang mit Wolken wieder
Unser Himmel sich umzieh'n,
Wie ein Stern aus Nebeln nieder
Wird dies Stündchen hell mir glüh'n.
Aller Sturm ist vergebens,
Winkt sein freundlicher Lauf!
Liebe, Rätsel des Lebens,
Sprich, wer löset dich auf?!

Sicilianen
In den Gedichtformen wird diese Art von Gedicht erklärt.

1.
Was ich je lächeln sah, je glüh'n und prunken,
In Ihren Augen fand ich's Alles wieder.
Wann ich gewallt oft in mich selbst versunken,
Das düstre Haupt gesenkt zur Erde nieder,
Da nahte Sie, — aufblickt' ich wonnetrunken,
Ein junges Leben floß durch meine Glieder!
Und manche Blicke weckten manche Funken,
Und kurze Blicke gaben kurze Lieder!

2.
Da schlummert Sie,— in leichtem Nebelfalle
Ruht Ihr Gelock, die stumme Lippe spricht,
Ihr Aug' verrät's, ein Morgenträumchen walle
Hin über ihre Seele mild und licht. —
Komm', Sonne, schnell,— erwecke Sie! —Nun schalle
Das ernste Wort, das Ihren Starrsinn bricht!
Doch nein, komm' nicht! Du wecktest mit Ihr—Alle,
Und Zeugen brauch' ich keine, — weck' Sie nicht!

3.
Süß, wie der Honig von Hymettos Bienen,
Strömt von den Lippen Ihr der Rede Flut;
Da beug' ich mich zu Ihr, mit trunknen Mienen,
Wie's ein gefühlvoll ernster Lauscher tut.
Und ihre weichen Schwanenschultern dienen
Zum Kissen meiner Wangen irrer Glut!
Ja, arm hat mir der Himmel da geschienen,
Der nicht so weich auf Atlas' Schultern ruht!

4.
Ich kenn Sie nicht, und hab' Sie doch gesehen,
Ich sah Sie nicht, und hab' von Ihr geträumt;
Ich sehe Sie an mir vorübergehen,
Nicht fassend das Gefühl, das in mir keimt:
Und näher fühl' ich Ihres Odems Wehen,
Mein Blut in allen seinen Adern schäumt;
Errötend spiel' ich: "Morgens Auferstehen!"
Ich — Wolke; Sie — der Purpur, der sie säumt!

5.
Du Diebin, die du mir das Herz genommen,
Als deiner Schönheit Weltpreis und Gewinn;
Verlockerin, die mich aus einem frommen
Gemacht zu einem wilden, wüsten Sinn;
Mordbrennerin, von deren Brand entglommen
Mein Innres ist und flammt zum Himmel hin,
Wann wird für dich der Tag der Buße kommen,
Sündhafte Heil'ge, heil'ge Sünderin?

6.
Du kannst kein Gold von meinen Wänden schaben;
Ein armer Dichter bin ich und nichts mehr.
Doch hab' ich als Ersatz wohl andre Gaben,
Vielleicht genug für edleres Begehr!
Auf einem Grund, worunter Gold vergraben,
Gedeihen Korn und Blum' und Pflanze schwer;
Empfänglich schlichten Boden mußt Du haben,
Dann bleibt so leicht kein Platz Dir blumenleer!

7.
Rein wie der Lilie fleckenlose Blüte,
Rein wie der hellste Stern im Sternenchor,
Rein ist die Glut, die mich für Sie durchglühte,
Zur Läutrungsflamme lodernd still empor.
Die Sprach' ist kalt, und wenn sie Flammen sprühte;
Doch, Lied! getrost, du hältst dich nicht an's Ohr:
Versteh'n wird dich ein lauteres Gemüte,
Verdrehen nur der Spötter, oder Tor!

8.
Geschmückt mit Reizen, welche Tugend künden,
Aus tausend Frauen tritt Sie einzig her;
Sie will es nicht und muß doch Lieb' entzünden,
Sie siegt gewiß und doch von Ungefähr;
Sie gleicht dem klaren Quell in finstren Schlünden,
Dem Abendstern am Himmel sternenleer,
Der einz'gen Blum' auf blumenarmen Gründen,
Der Lenz-Oas in weitem Sandesmeer.

9.
Du willst es nicht, daß ich Dich möge sehen,
Drum hat die Liebe sich gerächt dafür;
Seit jener Stunde seh' in Tal, auf Höhen,
Ich Dich allein, Dich seh' ich dort, Dich hier;
Dich, wo die Wolken glühn, wo Rosen stehen,
Dich mir im Rücken, vor mir, neben mir;
Wohin des Auges tausend Boten gehen,
Bringt jeder Bote mir ein Bild von Dir!

10.
Bei Tag und Nacht auf Straßen und auf Stegen
Seh' ich Ihr Bild vor mir, mein liebes Glück;
Mag Lust, mag Trauer mir das Herz erregen,
Es bleibt mir treu in Freud' und Mißgeschick!
Doch kommt Sie selbst mir unverhofft entgegen,
Dann macht des Bild's vergessen mich Ihr Blick;
Geh'n muß ich dann auf dunklen Waldeswegen, —
Das stille Dunkel malt es mir zurück.

11.
Herab, ihr Sternlein! Impfet euren Schimmer
Der Stengel jedem statt der Blüten ein,
Daß wie ein hellgeschmücktes Sternenzimmer
Im bunten Licht erglänze Feld und Hain!
Wenn Sie dann nahte durch das Sterngeflimmer
Mit Ihren Augen hell und sternenrein
Dann unterschied' ich Ihre Augen nimmer,
Und schliefe wieder einmal ruhig ein.

12.
Die eine Stelle mußt' ich scheidend sagen,
Als unsrer fernen Herzen Einerin;
Den Himmelswagen nannt' ich, — aufwärtstragen
Wollt' ich allabendlich zu ihm den Sinn;
Du solltest abendlich ein Gleiches wagen
Und fröhlich Treffen würd' uns zum Gewinn:
Der Himmelswagen ward zum Liebeswagen
Der mein Herz nächtlich führt zu Deinem hin!

13.
Um in Gedanken Dir zu sein verbunden.
Erhob ich jüngst zum Wagen mein Gesicht;
Allein die Sterne waren all' entschwunden,
Auch unser Losungszeichen glänzte nicht.
Nicht gut gewählt zu fleiß'gen Liebeskunden
War traun! ein Bot', an dem es oft gebricht!
Wo harr' ich auf Dein Herz in trüben Stunden?
Ist's doch hiernieden öfter trüb, als licht!

14.
Da Du noch nicht gewußt, wem ich sie sänge
Die Lieder, die ich Dir zum Preis ersann,
Da kam's noch, daß die Sammlung meiner Klänge
Sieh manchen Blick aus Deinem Aug' gewann!
Nun da Du weißt, was ich gedichtet, schwänge
Zu Deiner Schönheit huld'gend sich hinan:
Nun denkst Du meiner Lieder kaum, du Strenge,
Und siehst sie auch mit keinem Blick Dir an!

15.
Denk' ich an Sie, in heitrer Abendhülle
Dahingestreckt auf weichen Wiesenklee,
Dann stärkt sich zu Alcidens Kraft mein Wille,
Sich kühn verlierend in dem Sternensee.
"Erschiene Sie, — gesteh'n würd' ich die Fülle
Des Herzens Ihr, dies Wohl gesteh'n, dies Weh'!" —
Da kommt sie selbst, und der Alcid' ist stille,
Und wird zum Kind vor seiner Omphale.

16.
Du bist bewegt, ich hab' es Dir gestanden;
Schlecht schweigt die Lippe, wo sie sprechen muß!
"Laß, meinst du, ruhen uns in Freundschaftsbanden,
Doch fordre nicht der Liebe Flammenkuß." —
Schön sind die Bande, die sich Freunde wanden,
Doch höher steht der Liebe Göttergruß:
Weil sich für Liebe — Gott und Göttin fanden,
Für Freundschaft aber kaum — ein Genius!

17.
Des Denkers Tiefsinn um die Stirn gezogen,
Durchprüfst du kalt der Liebe Flammenschrift.
Nur Blumenränder gürten rings die Wogen;
Du fragst, besorgt, wohin der Kiel Dich schifft?
Hast aus der Liebe Kelch so oft gesogen,
Und prüfst nun erst, ob's Nektar oder Gift?
Sieh doch den Gott mit seinem goldnen Bogen,
Er prüft nicht, sieht, erkennet, zielt und trifft!

18.
O seltne Schönheit! denn mich dünket selten
Und karg verteilt so großer Schönheit Gut,
Wie Alles hier, was teuer pflegt zu gelten.
Die Perle liegt in wüster Meeresflut;
Das Gold ruht tief in öden Berggezelten,
Der Demant schläft in dürrer Sandesglut:
Rubine glüh'n in menschenleeren Welten,
Und Aloen in steiler Felsen Hut.

19.
O selig Los der Schönheit! denn allimmer
Dankt sie nur sich den Schimmer, den sie trägt.
Dem Demant wird sein helles Prachtgeflimmer
Erst durch die Kraft des Stahles beigelegt;
Erst dann empfängt den Glanz Metallgetrümmer,
Wenn drüber läuternd Glut zusammenschlägt;
Ja selbst der Mond erborgt sich erst den Schimmer:
Doch Schönheit wird von der Geburt geprägt.

20.
Wer ewig zagt in zweifelhaftem Ringen,
Und nie das Band der Liebe fester flicht,
Wer sein Gefühl tief in die Brust will zwingen,
Und nichts verraten von dem inn'ren Licht;
Der gleichet dem, der Stimm' erhielt zum Singen,
Doch nie mit einem Klang das Schweigen bricht;
Gleicht dem, den's bebt, wenn frohe Weisen klingen,
Doch mitzudreh'n im Reigen wagt er nicht.

21
"Du also? — Du?" — Was mir so zaubrisch winkte,
Nun ist es mein! — "Du", wie das wonnig schallt!
Was je ein Aug' wie Frühlingstau mir blinkte,
Was je die Brust wie Sommersturm durchwallt,
Nun ist's erfüllt, — da steht die ungeschminkte,
Die offne Lieb' in leuchtender Gestalt!
Und doch wie einst das "Sie" zu kalt uns dünkte,
Bedünkt uns bald vielleicht das "Du" zu kalt.

22.
Jüngst stand ich draußen in der Nacht! Wie Säulen,
Schien mir der Berge Riesenkranz erhöht;
Wie Schwebelampen in gemeßnen Zeilen
Bedünkten mich die Sternlein ausgesät;
Der Wolken Weihrauch schien emporzueilen,
Des Himmels Schleier halb entzwei geweht,
Und Priester "Mond" kam Segen auszuteilen,
Und der Gedank' an Dich war mein Gebet!

23.
Wie uns des Morgenlandes Sagen künden,
So gibt's ein Wort, das, wie's dem Mund entfuhr,
Den Leib vermag vom Staube loszubinden,
Und aufzuschließen ihm des Himmels Flur.
Oft sucht die Liebe, wo sie möchte finden
Des Zauberschlüssels Lagerstätt' und Spur;
Ich hoffe bald dies Wörtlein zu ergründen,
Denn ist solch eins, so ist Dein Nam' es nur!

24.
Sonst fühlt' ich in der Brust gar oft ein Regen,
Wie's ein sich stellt, wenn Zeit zum Dichten ist;
Ich mühte mich, in Formen es zu prägen,
In einen Stoff, der würdig es umschließt.
Doch trotz des Herzens schöpfungslust'gen Schlägen
Hab' ich die Wieg' oft für mein Kind vermißt!
Jetzt bin ich nicht mehr um den Stoff verlegen,
Seit Du mein ewig unerschöpfter bist!

25.
Wofern du ein Geheimnis hast, so sag' es,
Mein Herz ist dir dafür ein sichrer Ort!
Man sagt von Blumen, welche unter Tages
Verschlossen sind, als wären sie verdorrt;
Der Mondschein erst, kraft seines Zauberschlages,
Entsiegelt ihrer Brust geheimen Hort!
So ist mein Herz, — nicht sich eröffnen mag es,
Sein einz'ger Schlüssel ist dein mildes Wort.

26.
Ich stieg zum Felsen, den die Wolke säumet,
Die Liebe stieg mir nach durch Wolk' und Wind;
Ich stieg hinab,— wo Einsamkeit verträumet
Den düstren Traum; — sie stieg mir nach geschwind.
Ich lief zur Flur, wo Blum' an Blume keimet;
Sie lief mir nach, das liebe Blumenkind!
Ich kam zur Tafel, wo der Becher schäumet; —
Sie kam mir nach: — wer schilt die Liebe blind?

27.
Gedenke mein, beim Tagwerk, im Gebete,
Am Tag, bei Nacht, — o man vergißt so schnell!
In jedem müß'gen Augenblicke trete
Mein Bild vor deine Seele, klar und hell!
Wenn es ein Sturm nur einmal Dir entwehte,
Nichts brächt' es wieder, wie es war, zur Stell';
Denn, denke nur, ein großer Strom ist — Lethe,
Und ach! Mnemosyne ein — kleiner Quell.

28.
O wolle ja dich nie vergessen wähnen!
Dein Bild ist wie der Mai mir ewig jung;
Es spinnt sich nächtlich neu aus meinen Tränen;
Es ist der Schah, der mich zum Sklaven dung;
Es folgt den Sinnen, wie der Schwan den Kähnen,
Und kreist um mich in taubengleichem Schwung!
Denn aus der Trennung webt sich ja das Sehnen,
Und aus dem Sehnen die Erinnerung.

29.
Ihr spottet mein und könnt mich nicht verstehen,
Und nennt mich einen unbedachten Mann,
Weil ihr mich seht nach einer Jungfrau spähen,
Die Keiner noch mit seinem Fleh'n gewann.
O laßt mich immer, Sie zu schauen, gehen,
Ganz eigne Lust hangt solchem Schauen an;
So will man in verschloßne Gärten sehen,
Um zu genießen, was man darf und kann.

30.
Gesund und krank, in jedem Land und Raume
Erblick' ich Dich, bist Du's, die mich begrüßt!
Leb' ich im Wachen, lieg' ich tot im Traume,
In Freud' und Leid bist Du's, die mich umschließt!
Ein jedes Blatt am grünen Lebensbaume
Birgt Deine Form, Dein Abbild ist, was ist!
Trägt doch dies Liedchen selbst an seinem Saume
Ein deutlich Zeichen des', was Du mir bist!

Sonette

                      Gleichgewicht

Du süßes Kind, an dessen Bild ich hange,
Der Biene gleich, an ihrer Blütendolde;
Von dem ich, wie die Welt vom Sonnengolde,
Des Lebens Licht, des Lebens Glut empfange,

Was quälst du mich nur oft zu solchem Drange,
Als hättest alle Schrecken du im Solde,
Als freutest du dich meines Leids, du Holde, —
Als schmerzte dich das Lächeln meiner Wange?

Ich seh' es wohl, es ist der Sterne Grollen:
Wie du mich oft erfreut, ohn' es zu wissen,
So hat dein Blick auch oft, ohn' es zu wollen,
Die Seele mir in wunder Brust zerrissen!

Wenn du nicht wärst, wo wären meine Leiden?
Wenn du nicht wär'st, wo wären meine Freuden?

                         Zweifel

Bist du mir gut? Das Eine möcht' ich wissen,
Und konnte doch dies Eine nie erfahren.
Es mir zu zeigen, warst du zwar mit klaren,
Gutmüt'gen Augen oft, so schien's, beflissen;

Doch glaubt' ich stets ein Etwas zu vermissen,
Das immerdar mich zweifeln ließ am Wahren.
Oft schien mein Schmerz es mir zu offenbaren,
Wenn du ein Stern mir warst in Finsternissen.

So hab' ich viel gehofft, geahnt, gegrübelt,
Mich oft gebeugt gefühlt und oft erkräftigt,
Mit deinem Bilde stündlich mich beschäftigt,
Dich oft entschuldigt und dir viel verübelt;

Umsonst! — was ich gesucht, was ich gefunden,
Ob du mir gut sei'st, konnt' ich nicht erkunden!

                        Die Braut

"Jetzt bist du mein, — mit deiner Lockenfülle,
Mit deinem Schwanennacken, deinen Blicken;
Kein Andrer darf dich buhlend mehr umstricken,
Mein ist dein Herz, dein Sinn, dein Wunsch, dein Wille!

Nicht an mir halten darf ich mehr in Stille,
Vor Allen darf ich kundtun mein Entzücken!
Mein bist du nun, um ganz mich zu beglücken,
Mein ist der schönsten Seele schönste Hülle.

O laß mich langsam, Lieblichste der Schönen,
An meiner Wonnen Reichtum mich gewöhnen,
Und mich am Vorschmack meines Glückes weiden!" —
So ruft beseligt an des Altars Stufen

Der Bräutigam. — Ich will ihn nicht beneiden,
Doch ach! wie gern wollt' ich's statt seiner rufen!

                        Entfernung

Nicht Berge sind es, die dich von mir scheiden,
Nicht Ströme, die gleich blanken Schwerterklingen,
Daß Liebe nicht zu Liebe könne dringen,
Das Band der Straßen zwischen uns zerschneiden.

Wir sind uns nah', und müssen doch uns meiden,
Kaum will es uns, nicht uns zu seh'n, gelingen:
Phantome sind's, die uns gespenstisch zwingen,
Und uns das Glück der Näherung verleiden!

Mit meiner Hand könnt' ich das Haus erfassen,
Mit meinem Aug' in's Herz ihm forschend blicken.
Und seh'n, wie du vielleicht gleich mir verlassen
Umsonst dich in die Trennung suchst zu schicken.

Schwer ist's getrennt, weil man sich fern ist, weilen;
Doch schwerer, nah', das Los der Trennung teilen!

                        Todesahnung

Dich rührt mein Lied, du fühlest meine Töne,
Die ihre Deutung erst von dir empfah'n,
Und was kein Opfer und kein Fleh'n getan,
Tat willig nun die schüchterne Kamöne.

Nur einmal singt in seiner ganzen Schöne
Sein rührend Lied der Liederbarde Schwan:
Er singt nur Eins, — am Ende seiner Bahn,
Daß es im Tod ihn für das Leben kröne.

So hab' auch ich vergebens oft gesungen;
Doch ach! kein Lied hat dir ans Herz geklungen:
Nur dies, du Kalte, dies nur fühlest du!
Es geht der Schwan mit seinem Lied zur Ruh'!

Ich seh' es denn, — ich end' und meine Qualen,
Und Eine Träne soll mir tausend zahlen!

                        Geheimnis

Du sagst, es sei verraten, daß wir lieben,
Verraten, daß mit glühendem Verlangen
Wir fest und innig aneinanderhangen,
Und Herz dem Herzen wandellos verschrieben?!

Wohl, glaub' ich, ist es nicht geheim geblieben,
Daß wir uns, mit Erröten auf den Wangen,
Voll Zärtlichkeit einander oft empfangen,
Und manch verliebtes, tolles Zeug getrieben!

Daß uns das Band der Liebelei verbinde,
Daß eine Fessel scherzend uns umwinde,
Ja — davon ist der Schleier weggerissen,
Weil dessen sich die Welt gar sehr befleißet.

Doch daß wir lieben, kann die Welt nicht wissen,
Denn sie versteht ja nicht, was "Lieben" heißet!

                        Ungleiches Alter

Bild meiner Ehrfurcht! Sonn' in meinem Leben,
Warum ist mir dein Sein vorausgerückt?
Das Ziel, woran mein Auge dich erblickt,
Muß ich auf meiner Laufbahn erst erstreben.

Ich bin so jung, und schau' mit leisem Beben,
Zu deiner reifren Fülle reich entzückt.
Ich kann zu Dir, die jeder Liebreiz schmückt,
Das Auge nur voll Achtung still erheben.

O Sonne, bleib' zurück auf deiner Bahn,
Bis ich, dir an Gefühlen gleich und Jahren,
Mit meiner Achtung kann die Liebe paaren! —
Und wie einst Josua zum Himmelsplan,

So ruf ich nun zu deiner Strahlenfülle:
"Mein sei der Sieg, drum, Sonne, stehe stille!"

                        Liebe

Ein loses Tändeln und ein banges Schwärmen,
Ein sanftes Tagen und ein düstres Nachten,
Ein stolz Vergöttern und ein schnöd Verachten,
Ein frostig Kaltsein und ein mildes Wärmen;

Ein stilles Brüten und ein lautes Lärmen,
Ein schwanker Leichtsinn und ein ernst Betrachten,
Ein Helles Jubeln und ein sehnend Schmachten,
Ein herzlich Lächeln und ein tiefes Härmen;

Voll offner Innigkeit, voll list'ger Schlingen,
Ein wechselndes Erwerben und Verschmerzen,
Ein blutiger Vernichtungskampf der Triebe,
Ein schweres Meiden und ein herbes Ringen,

Der größte Widerspruch im Menschenherzen,
Der Rätsel neckendstes — das ist — die Liebe!

                        Rat

Wer Jedem zu Gefallen leben wollte,
Und sich nach jeder Stimme lenksam richten;
Damit sie nichts ihm wüßten anzudichten,
Und männiglich ihm gnäd'gen Beifall zollte;

Damit kein Aug' ihm, seitwärts blickend, grollte
Ob ärgerlicher, böser Stadtgeschichten,
Irr werden würde der an seinen Pflichten,
Und endlich selbst nicht wissen, was er sollte.

Vielleicht sind sie, statt Sternen, auch nur Kerzen:
Der größte Tadler hat auf sich vergessen!
Wer Fremde treibt, der pflegt oft selbst zu zaudern;
Drum magst du dich mit andrem Maße messen!

Du folge Gott und deinem eignen Herzen,
Und laß der Welt die Lust, von dir zu plaudern!

                        Bitte

Nur Eins, o Herr, bewahre mir im Leben,
Die Klarheit, mein' ich, denn sie gibt den Frieden,
Die Kraft, den Trost, die Duldsamkeit hienieden,
In Rat und Tat, im Fühlen und im Streben.

Wem in der Brust die Zweifel sich erheben,
Wer in sich selbst getrennt ist und geschieden,
Für den gibt's nicht Asyle, nicht Ägiden,
Er bleibt ein Rohr, den Stürmen preisgegeben.

Nicht besser, als ich bin, will ich mir scheinen,
Nicht schlimmer, als ich bin, will ich mich schelten;
Nicht soll, was kleinlich, mir am Großen gelten,
Was groß, verkannt nicht sein von mir am Kleinen!

Nur was ich will, laß Herr mich stets ergründen,
Was mir zu tun, werd' ich dann selbst wohl finden!

                        Vorwurf

Hast du im Leben Einen wert befunden,
Den Namen "Freund" wohlwollend ihm zu spenden,
Laß nicht von Mißtrau'n schnell das Herz dir wenden,
Eh' du's versucht, ihn tiefer auszukunden!

Gar Manches bringen uns die trüben Stunden,
Zu Vielem fehlt die Kraft, es zu vollenden;
Nicht Jeder kennt die Strahlen, die uns blenden,
Die Fesseln, die uns lähmend oft umwunden.

Drum laß am Freund nicht Solches dich beirren,
Ein Weilchen Ruh', — es wird sich bald entwirren!
Halbfreunde sind's, die leicht gekränkt und kränkend
Ob flücht'ger Zweifel gleich am Freund verzagen!

Entschuld'ge lieber ihn, das Beßre denkend,
Statt ihn, das Schlimmre glaubend, zu verklagen!

                        Vorzug

Nennt mir kein Leben, was die Mehrzahl lebt!
Schlaftrunknes Taumeln ist's, bewußtlos Wanken,
Ein wirrer Kampf von Wünschen und Gedanken,
Ein Dämmergrau, von mattem Licht durchbebt.

Beglückt, wer freier seinen Blick erhebt,
Wer sich an Ernstrem weiß emporzuranken,
Und durch der Fluten ungewisses Schwanken
Auf sichrem Boot nach treuen Sternen strebt!

Dies Glück, — mir ist, als hätt' ich es gefunden,
Des Lebens Blütenkern, die Poesie;
Oft flüchtet' ich zu ihr, vergebens nie!
O laß, wenn gleiches Glück dein Herz empfunden,

An ihre Brust in Freud' und Leid uns flieh'n:
Hinauf nur kann sie, nie hinab uns zieh'n!

Überschriften

Überschriften in flüchtigen Zeilen
Hab' ich zur Auswahl mitzuteilen;
So Manchem wird das eigne Leben
Zur Überschrift den Aufsatz geben.
*
Nie stieg noch Einer zweimal nieder
In einen und denselben Fluß:
Die Wellen kommen und gehen wieder,
Es ist ein ewiger Wechselerguß.
So ist es auch in unserem Leben,
Die Tage strömen ab und zu;
Nichts kann sich zweimal gleich begeben:
Das Leben ist anders, oder — du!
*
Ein Leben, das niemals Stürme bestreichen,
Dem toten Meere scheint's zu vergleichen!
*
Wer immer saß im Klaren,
Kennt nicht den Wert des Licht's:
Wer Untreu' nie erfahren
Weiß von der Treue nichts.
*
Daß Mancher schlechter scheint, als er ist,
Das läßt sich leicht begreifen:
Das Silber, wiewohl es glänzend ist,
Zieht dennoch schwarze Streifen.
*
Es ist nicht immer eine Au,
Wo Nachtigallen sangen:
Man läßt sie manches Mal zur Schau
Auch vor den Fenstern hangen.
*
Was eine künstliche Zuckertorte
Für unseren Gaumen ist als Gericht,
Das sind für's Herz die süßen Worte,
Sie munden, aber sie nähren nicht.
*
Nach Beßrem richte dein Bestreben,
Und wirf von dir den eitlen Tand;
Ein armer Mann, der nichts im Leben,
Als nur das arme Leben fand.
*
Und wenn dich ein volles Hundert
Huldreicher Damen und Herrn bewundert,
Es sei dir nicht so viel wert,
Als wenn ein schlichtes Herz dich ehrt!
*
Worüber ich mir oft schon grollte,
Und was ich oft teuer büßen mußte,
War, weil ich nicht wußte, was ich wollte,
Oder weil ich nicht wollte, was ich wußte!? —
*
Es ist doch seltsam, daß ein Flecken
Der schönen Seel' oft lieblich steht,
Gleichwie die eingeschloßne Fliege
Des klaren Agtstein's Wert erhöht.
*
Eins vor Allem tut dem Herzen
Not, daß du's im Leben lernst:
Ernst zu bleiben unter Scherzen,
Und zu scherzen mit dem Ernst.
*
Des Weibes Tränen zittern
Wie flücht'ge Taukristallen;
Des Mannes Tränen fallen
Vor oder nach Gewittern.
*
Da sprechen gar viele von Bildung und Kunst,
Vom Denken, Dichten und Schaffen,
Und fragt man sie, was das Alles heißt,
So steh'n sie stumm, — und — gaffen.
*
Bisweilen da wandelt es mich an,
Als hätt' ich noch nie was Rechtes getan;
Bisweilen da werf ich mich in die Brust,
Als wär' ich des Tüchtigsten mir bewußt.
Ich glaube, daß ich am Besten wähle,
Wenn ich mich in etwas zu Beiden, zähle!
*
Ich halte die Mehrzahl Tränen für Wasser,
Ich halte die Mehrzahl Seufzer für Wind,
Und dennoch bin ich kein Menschenhasser:
Ich weiß nur, wie ich bin, und wie sie sind!
*
Warum kann Eins zum Frommen
Der Menschen nicht gescheh'n? —
Aus sich herauszutreten,
Um in sich selbst zu geh'n!
*
Nicht gegen jedes Eigenlob
Sei Widerspruch erhoben;
Ein gutes Werk mag ungestraft
Sich selber, mein' ich, loben.
*
Ihr braucht die Poesie nicht erst
In's Leben hineinzulegen;
Wenn ihr es recht erfaßt, so springt
Sie euch von selber entgegen.
*
Wer sich mit Gedichten den Durst will löschen,
Fühlt bald, daß sie ihm mißbehagen:
Man muß sie tropfenweis genießen
Mit Andacht, wie die Trinker sagen.
*
Ich weiß, ich bin nicht der und der,
Die man itzt lobt, mit gutem Recht mitunter:
So wie mir's einfällt, geb' ich's her, —
Vielleicht, will's Gott, ist doch was Gutes drunter.
*
Schiller'n
Nachzutrillern,
Oder Göethe'n
Die Verse nachzunöten,
Oder Einem von den Neuern
Mit ähnlicher Flagge nachzusteuern,
Das mag ein leichtes Studium sein,
Man kommt, man weiß nicht wie, zu seiner Gabe.
Ich geb's aus Eignem, ist's auch klein,
So weiß ich doch zuletzt, woher ich's habe.
*
Vergebne Müh, verfehltes Streben!
Mit Dreh'n und Schrauben geht es nie.
Ein Thermometer ist die Poesie,
Nur Herzenswärme kann ihn heben!
*
"Warum der Mut mit einmal ihm wächst?"
Das ist doch eine klare Sache:
Er stand ja einem Könige zunächst
Im deutschen Musenalmanache.
*
Und ist auch Manches widerlich und schwer.
So gab's die Zeit, so wird's die Zeit verwehen!
Die Politik gefiel mir nie gar sehr:
Die Poesie soll, mein' ich, drüber stehen.
*
Ein Werk, das wahrhaft weckt und erhebt,
Post festum kritisieren,
Heißt, mein' ich, ein Wesen, das noch lebt.
Zum Studium sezieren.
*
O süße Rache für den Sängersmann,
Der arg getäuscht und arg verspottet worden.
Wenn er die Treuvergeßne kann
Mit einem Liederdolche morden!
*
Warum wohl gleiche Wehmut mich durchdringt,
Wenn ein Trauermarsch, oder ein Walzer klingt? —
Ist's hier der Schmerz, der durch die Freude rauscht?
Ist's dort die Lust, die hinter'm Leide lauscht?
*
Was dir versagt ward, was beschieden,
Ertrag', und frage nicht: warum?
Und bleibt das Schicksal stumm hienieden,
So bleib' auch du zum Trotze stumm!
*
Mit schlechten Gedichten, ihr Dichter,
Da ist's ein mißliches Beginnen:
Sie sind ihre eigenen Kläger und Richter,
Und können zuletzt denn doch nicht gewinnen!
*
Ein Weib, das weiß, daß du es achtest,
Beurteile nicht, so lang' du's betrachtest!
Von Freunden laß' zu Zeiten es betrachten,
Von denen es nicht weiß, daß sie es achten.
*
Wenn ich wüßte, daß sie mich liebe,
Und bloß aus Liebe mich betrübe,
Wie gern wollt' ich mit meinen Qualen
Die kleinste Lust für sie bezahlen!
Doch wüßt' ich, daß sie's tut aus Kälte,
Dann wüßt' ich auch, wie ich's vergälte!
*
Ich hätte dir so viel, so viel zu sagen,
Und darf's um dein- und meinetwillen nicht!
So will ich's denn zur Ferne mit mir tragen,
Treu, fest und innig, bis das Herz mir bricht!
Ist's doch das Los des Beßren, sich zu sehnen;
Nur in dem Widerscheine stiller Tränen
Erhält das Aug' sein wahres, reinstes Licht!